Donnerstag, 17. November 2016

1848: Fiese Kampagne gegen die Bremer Zeitung



Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitung vollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.
Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.
Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!
De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.



Bildquelle: Das Stadthaus am Domshof in Bremen. Stahlstich von Julius Gottheil, entstanden zwischen 1850 und 1864.

Samstag, 12. November 2016

Erinnerungen an Gottfried Kinkel



Als Volkswehrmann, in der Bluse, mit verwildertem Bart, ein Tuch um das verwundete Haupt geknüpft: so nahmen sie ihn nach dem Gefechte bei Muggensturm gefangen und führten ihn nach Karlsruhe. Wie manche Nacht zog die Gestalt erschütternd an meinem Blick vorüber! Dann das heimliche Gericht, dann das Ende: er ist frühmorgens heut im Walde erschossen! Dann nach dumpfen Schmerzenstagen der Widerruf, und wochenlang die streitenden Gerüchte von Begnadigung und Todesurteil. Die Seele wurde damals zuletzt wie starr und gefühllos in den Zeiten der Qual, wo man mit so manchen Freunden mehr als einmal sterben, dann die Mauer der ungewissen Entscheidung erdulden, und endlich, wenn sie gefallen war, so oft in trostlose Öde ohne Hoffnung der Auferstehung hinblicken mußte. Wie eine Gnade war es, wenn der letzte Befreier, der Tod, die Brust erleichterte.
An Kinkel ging er vorüber. Ihm erschien das höhnische Antlitz jener Begnadigung, gegen die das österreichische Begnadigen zu Pulver und Blei sich wie sanfte Menschlichkeit darstellte; die Gnade, welche ihm widerfuhr, zu ewiger Zuchthausstrafe, mußte auch im gehärteten Herzen noch einen Aufschrei der ohnmächtigen Wut erwecken. Da saß er nun in Naugard in der halbdüstern, unterirdischen Zelle, im Sträflingsanzug, Wolle spulend!
Diese Jahre haben harte Schicksale gesehn, aber vielleicht wenig so jähe Wandlungen als diese, denn wer, der den Dichter gekannt, konnte sich ihn in einer andren Welt denken, als in der klaren, heitren Sonnenwelt, aus der seine ganze Natur recht wie geboren und ernährt war! Ein helles Zimmer, kunstsinnig ausgeschmückt, froh belebte Gesellschaft, und draußen eine anmutige Landschaft mit warmen Farben um und im geliebten Rhein: das war die Umgebung, an der er sich so lange gefreut hatte, weil seine Natur sich da in ihrem Elemente fühlte. Und dann womöglich Neueres und Schöneres, wenn das liebe Alte ausgenossen war. „Ich muß fort von hier“, sagte er mir vor wenig Jahren in Bonn, „Ich habe diese Gegend nun ausgesehn, erst wenn ich ein paar Stunden weit laufe, sehe ich wieder Formen und Farbentöne.“ – Was wird dies geistvolle Auge noch sein, wenn es Jahre lang die Linien seiner Zelle und die öden Farben des spärlichen Tageslichtes ausgesehen hat?
Er ist kein Dichter des Brütens in der Einsamkeit: dort wird er selbst es fühlen, daß nur in flüchtig verrauschender Stimmung auch dunkle dämonische Saiten seiner Seele lyrisch erklangen. Früher mochte es scheinen, als würde sein düstrer Genius sich aus einem Gefängnisse mit seltsamer Befriedigung eine von außen lautlose, aber innerlich glühende brausende Heimat schaffen, wie im Krater eines Vulkans. Er selbst gefiel sich zuweilen in solcher Anschauung seines Charakters, wie er ihn auch einmal in einer Ode dem lichten friedlichen Genius eines Freundes gegenüberstellte. Doch wenn solche Äußerungen zuerst durch den Kontrast mit der ganzen Erscheinung des Menschen überraschten, so fand der tiefere und verweilende Seelenblick nur eine Bestätigung des ersten Urteils darin. Eben weil der Dichter so ganz dem heitren Tage und seiner Lebensfülle angehörte, weil alle Kräfte in ihm so instinktartig zur Harmonie strebten, neckte es ihn, wenn ich so sagen soll, daß der dunkle dämonische Ton nur flüchtig und leise in diese Harmonie einklang; und wenn er ihn lebhaft anschlug, so war es nur die freie Phantasie, welche dem Menschen so oft seinen eignen Charakter gleichsam zu ergänzen sucht, indem sie hier einen stärkeren Schatten, dort ein helleres Licht in sein Urbild malt. Es ist sehr schmerzlich, so genau zu wissen, daß Kinkels Natur ihm von dieser Seite sein Schicksal nicht erleichtern, sondern es nur bitterer empfinden lassen kann. Sein dichterisches Schaffen ist nicht jenes Versenken in die unergründlichen Schachte des Innern, aus denen die melancholischen Naturen oft so blaß und tiefsinnig wieder mit ihren äußerlich unscheinbaren Schätzen zur Oberwelt steigen; nein, er braucht dazu unablässig Aug’ und Ohr und den ganzen Reichtum neuer Anschauungen des bunten Lebens, und frische Anregungen, aus diesem immer wieder ergänzten Stoffe seine Bilder zu wählen. Bis in seinen Stil läßt sich dies Naturell verfolgen. Da liebt er die alten derben Kernwörter, meidet das akademisch zugeschnitten und philosophisch abstrakte, sucht neue Bildungen, und selbst als seine letzte Entwicklung ihn schon vielfach gereift und geklärt hatte, quoll dennoch immer wieder der alte Überreichtum des farbigen und tönenden Redeschmucks hervor, als wollte er, um die gesamte Lebensfülle zu fassen, auch für die Sprache das erobern, was nur der Musik vergönnt ist. Seine Natur gehört nicht zu den vulkanischen, sie ist eine neptunische, wie die Goethe’s, der sich darum „ein Kind des Friedens“ nannte. – Und doch derselbe Mensch ein Sohn der Revolution, „der grimmen, lichterlohen“?
Man würde es leicht mit diesem Naturell in Einklang bringen, wenn er durch den letzten Hülferuf des Vaterlandes aufgeweckt, als treuherziger Kämpfer für die Reichsverfassung sich mit in den Strudel hätte reißen lassen. So war es aber nicht. Hatte Kinkel doch schon, wie er von der Tribüne in Berlin stolz und kurz erklärte, unter dem Donner der Junischlacht die rohe demokratischsoziale Republik proklamiert! Und von ihm, schon ehe die Pfalz sich rührte, waren jene drohenden Worte vom Kampf auf Leben und Tod gesprochen, welche nachher den „Bluthunden der Reaktion“ zur Losung dienten, seinen Tod zu fordern,  jene Schlußworte: „siegen wir, dann wehe Euch! Keine Gnade!“ – Das alles würde man ferner sehr begreiflich finden, wenn er ein fahrender PoetLiterat gewesen wäre, ohne Familie, ohne Amt, ohne Heimat, der im Revolutionsrausch nur Abenteuer und poetischen Stoff hätte gewinnen, und durch Tendenz und Tat nichts hätte verlieren können. Aber wie viel hat er im Gegenteil geopfert!
Wer aus Kinkels geistiger Bildung die Erklärung holen will, wird noch mehr erstaunen. All ihre Wurzeln scheinen erst recht fest in den konservativen Boden getrieben zu sein, und man würde von einer solchen Bildung vielmehr umgekehrt behaupten mögen, daß sie dem nicht revolutionären Charakter ihres Trägers erst den rechten Halt gebe. Eine vorherrschende Neigung zum Mittelalter, zu altdeutscher Dichtung und Geschichte; verhältnismäßig geringe Bekanntschaft mit der modernen französischen Entwicklung; entschiedne Abneigung gegen philosophischen Radikalismus; diese Richtungen dauerten weit über die Jugendperiode, in seine letzte Zeit hinein. Wenige Dichter haben solchen Einfluß auf ihn geübt, wie der konservative preußische Immermann, und seine ganze Betrachtung der Geschichte blieb wesentlich auf dem künstlerischen Standpunkt; weit entfernt von jener Geschichtsphilosophie, aus der so viele sich Waffen und Leidenschaften für eine revolutionäre Zukunft holten. Alle Gelehrten von einer Bildung, wie wir die eben skizzierten, sind reaktionär geblieben oder haben sich doch bei Zeiten salviert; allen Poeten von ähnlicher Richtung waren die Bassermann’schen Gestalten eben nur eine neue brauchbare „Gestalt“, und die Revolution überhaupt wesentlich nur neues Material zum Denken und Dichten. Wo faßte die Revolution denn gerade diesen Mann, und riß ihn so gewaltig gerade unter ihre blutrote Sturmfahne?
Mitten in das warme Herz des gesunden Menschen, des ganzen Mannes, griff sie hinein! Aber dem einseitig verkümmerten Geschlecht von heute scheint es wie eine Fabel, daß Sophokles und Äschylus, vor deren olympisch reiner Harmonie es noch immer bewundernd steht, auch Soldaten und Feldherrn waren! Und nur mit der Phantasie kann dieses blasse Poetengeschlecht es sich vorstellen, daß der männliche Dichter, eben weil er zur höchsten Harmonie in seinen Schöpfungen strebt, auch den Nerv der Tat in sich zucken fühlt und jener Allgewalt der Begeisterung, von der er so oft gesunden, endlich auch selbst ins Leben folgt.
Das einfache Gefühl der Guten findet eine ähnliche Erklärung schon aus der bloßen Tatsache, und wendet dem Dichter herzliche Teilnahme zu. Die Phantasie der meisten von ihnen wird sich natürlich nur den allgemeinen Charakter dieses Schicksals ausmalen; und was Kinkels frühere Freunde schrieben, blieb auch meist auf der Oberfläche und bei den erklärenden Worten: Leidenschaft, Begeisterung und Ehrgeiz, als Quelle seines Entschlusses. Ich freue mich des besseren Trostes, die Entwicklung des Freundes einigermaßen zu überschauen. Es ist immer ein leidiger Trost; aber wenn Zorn und Schmerz endlich matt geworden sind und doch das Herz noch immer nicht von dem traurigen Bilde lassen kann, fühlt es sich wohl beruhigt, wenn der Kopf einmal sich mit dem geistigen Bilde der Persönlichkeit beschäftigt. Die alte Panacee: von dem was wir leiden zu reden und das was wir lieben, uns zu vergegenwärtigen.
Vor dreizehn Jahren, als Kinkel, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, das theologische Katheder in Bonn bestieg, und in den nächstfolgenden Jahren war er ein so politischunschuldiger Mensch, wie nur je einer in der orthodoxen Schule erzogen ist. All seine künstlerischen Neigungen und Anfänge schienen den Theologen der rheinischen Universität nur als schöne Zugaben für ein talentvolles Rüstzeug der Kirche des Herrn; er war der erklärte Liebling der aristokratischgelehrten Gesellschaft. Ihm selbst konnte der Nationalismus für seinen poetischen Sinn nicht die Fülle großer geschichtlicher Bilder und mystisch glühender Farben gewähren, wie er sie in der Orthodoxie fand, und da er der Philosophie überhaupt ferner stand, so konnte es geschehn, dass er zu derselben Zeit, wo Bruno Bauer explodierte, harmlos noch seine orthodoxen Hefte vortrug. Sein Geist und sein Herz waren damals aber schon nicht mehr dabei; denn während die Neigung zur Geschichte und Kunst immer mächtiger aus der bald ausgepreßten Theologie hervorwuchsen, hatte ein Schicksal, das er selbst sich wie ein Mann schuf, ihn auch dem persönlichen Einflusse seiner alten Lehrer und Kollegen gänzlich enthoben. Die edle geniale Frau, der seine glühende und glückliche Liebe sich zuwandte, war von einem katholischen Gatten getrennt, aber als Katholikin natürlich geschieden und frei. Gegen diese Liebe eiferte die pharisäische Seelsorge der Bonner Theologen mit aller Macht ihrer bornierten Orhodoxie, und an diesem Konflikte reifte Kinkel zum Manne, der die ganze Entscheidung nicht scheute. Er wurde ein Geächteter in den Kreisen, wo er früher der Liebling gewesen war, und nicht bloß das System, dem er bisher anhing, offenbarte sich ihm in seiner Blöße, sondern mit voller Herzensleidenschaft brach die Empörung gegen die gesamte Lebensanschauung, deren Hülle er bisher sorglos mitgetragen hatte, hervor. „Ihr, die die heilige Glut stets nur als Flamme des Herdes gekannt, wißt nicht, wie sich die Liebe belohnt!“ Die Trennung der Kirche vom Staat ist vielleicht sein erstes politischradikales Dogma gewesen; im Übrigen machte er den gemächlichen konstitutionellen Fortschritt der ganzen öffentlichen Meinung mit.
Die Gesellschaft, zu der er eine Zeitlang regelmäßig die kleine Zahl seiner Zuhörer nebst einigen nichttheologischen Freunden vereinigte, manchen Herzen als ein Ideal akademischen Verkehrs unvergeßlich, gab in ihrer Unterhaltung deutlich zu erkennen, wie weit der, welcher mit aller frohen Anmut seines Naturells ihre Seele war, noch ein Theolog genannt werden konnte. Auf dem Poppelsdorfer Schlosse, im Angesicht der reizenden Landschaft bis zum Siebengebirge hin, hallte das hohe Zimmer sehr selten von theologischen Disputationen wieder; weit öfter von der herrlichen Stimme des Virtuosen im Vorlesen von Gedichten und in freier Schilderung poetischer und plastischer Kunstwerke. Kunst und Poesie, die großen Gedanken der Humanität, zuweilen auch Politik, hielten die Freunde bis Mitternacht im lebhaftesten Gespräch zusammen; und die wenigsten ahnten, welch einen bitter ernsten Hintergrund die heitren Scherzworte hatten, die der Wirth wohl einmal über das frugale Leben der Privatdozenten hinwarf. In jener Zeit kämpfte Kinkel, sich eine gesicherte Existenz zu erringen, und er erwarb sich damals das Recht, nachher in einer seiner stürmenden Reden zu sagen: „Wir haben das Darben gründlich gelernt, wir werden auch noch die kurze Frist aushalten!“
Nach Jahren gelang es ihm, eine außerordentliche Professur der Kunstgeschichte zu erhalten und rasch reifte ihm nun die Ernte heran, die er ausgesät. Seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten fanden Anerkennung, seine Kollegien waren gedrängt voll, die Vorträge vor einem gemsichten Publikum in Köln und Bonn gaben ihm Gewinn und neue Freunde; die Gesellschaft endlich, als sie die Liebe und Arbeit mit Erfolg gekrönt sah, huldigte wie immer diesem ihren Gotte, und die beiden Geächteten waren nun gefeiert und gesucht. Im reinsten Genusse des häuslichen Glückes, in voller Tätigkeit, allein den ursprünglichen Neigungen seines Geistes folgend, blickte Kinkel sich nun nach der alten Welt um   und sah, daß ihre Systeme und Anschauungen wie welkes Laub vor den frischen Trieben seines Lebensbaums abgefallen waren. Was andere in langem schweren philosophischen Kampfe sich erringen: die eine und ganze Freiheit, war ihm in stillem Werden gereift. In dem Maaß, wie er das Lebendige inniger an sein Herz schloß, wich das innerlich Tote, dessen Reste in den Winkeln seines Geistes fortvegetiert hatten, nun ganz fern zurück. Er war noch weder Sozialist noch Republikaner; aber auf dem von aller toten Konvention und allem theologischpolitischen alten Wust gereinigten Boden des freien Lebens, Forschens und Dichtens, konnte nun keine andre Theorie mehr naturgemäß wachsen, als die des freien Staates und der freien Gesellschaft. Die Prinzipien der Kunst und Ethik, schon in ihm festgewurzelt, brauchten bloß zur Tätigkeit auf den übrigen Lebensgebieten angeregt zu werden, um wie mit einem Schlag auch diese zu erhellen.
Als ich ihn einige Zeit vor der Revolution sah, schien er oberflächlich noch mit jener Genossenschaft verbunden, welche die volle Freiheit nur als ein Eigentum des künstlerischen und genießenden Privatmenschen anerkennt und vor den politischsozialen Konsequenzen ihrer eignen Prinzipien zurückschaudert; ich meine jene Gebildeten, welche ihm seinen Radikalismus verzeihen, weil er ein Dichter ist und ein Dichter alles darf. Von dieser letzten Romantik stammen auch die Entschuldigungen seiner Tat, welche sie lediglich als poetische Verirrung bezeichnen, in der Hoffnung, ihn einst wieder in das Reich des Indifferentismus zurückkehren zu sehen. Weil Kinkel aber, trotz leiser romantischer Anklänge in seiner Poesie, ein anderer Mensch war: darum wurde die Märzrevolution der Frühlingshauch, der alle Keime seines Innern in Licht und Leben rief.
Wie gern vermittelte seine Humanität gleichberechtigte Ansprüche und Absichten im Leben! Aber das gesunde Gefühl und die Gerechtigkeit, aus denen jene liebenswürdige Humanität ihm quoll, mußte sich eben so empören gegen das blasse feige Vermitteln zwischen ewigem Recht und Unrecht. Als die Zeit zu Taten rief, sprang er als Mann in die Reihe, und wofür sollte er, als Künstler, als Dichter denn anders kämpfen, als für das Reich der neuen Welt, dessen Gesetze in jenen Geisterreichen schon lange galten und dessen wirkliche Gründung eben darum erst die wahre irdische Heimat für Wissenschaft und Kunst erschaffen kann! Hatte nicht vor einem halben Jahrhundert schon Hölderlin aus den Griechen und ihren deutschen Nachfolgern das Geheimniß gelesen: „Die neue Theokratie des Schönen kann nur Raum finden in einem Freistaat?“ Was hat der moderne Dichter vor unsren Klassikern denn als sein eigenstes voraus, wenn nicht eben die, daß er sich als Bürger fühlt und jene irdische Heimat seiner Kunst mit erobern hilft! Mit solchen Gedanken ist Kinkel in die Revolution gegangen, an dies höchste und letzte Gut hat er sein Alles gesetzt,  nicht aber als fahrender Poet und Avantürier nicht wie ein Belletrist ein Abenteuer versucht, um nachher einen Roman darüber schreiben zu können.
Mit allen Schätzen seines Talents und seines Charakters, an denen bisher die gebildete Gesellschaft von Bonn sich erfreut hatte, trat er nun mitten unter das Volk wie in eine neue und doch heimatliche Welt. Seine Lust am Schauen und Beobachten aller Individualität und seine ursprüngliche Liebe zum rheinischen Volkscharakter hatten ihm lang, eh er an eine solche Wirksamkeit dachte, alle Mittel zu ihr gesammelt; mit leichter Sicherheit traf er den Ton und die Wünsche des Handwerkers, wie der Bauern und Proletarier. Diese Klassen waren es, welche bald in ihm ihren Führer verehrten, und deren Stimmen ihn später zum Deputierten wählten. Was waren die studentisch herkömmlichen Fackelzüge gegen das heitre improvisierte Geleit, wenn diese neuen Freunde ihn mit frisch abgebrochenen grünen Zweigen auf der Heimkehr von einem Spaziergang oder aus einem ländlichen demokratischen Verein, in ihrer Mitte triumphierend nach Hause begleiteten! – Nicht seine ganze Wirksamkeit jener Zeiten ist nur in persönlicher Erinnerung, oder in den kleinen Blättern der neuen Bonner Zeitung und später in den Berliner stenographischen Berichten aufbewahrt. Er schrieb damals ein kleinen Buch: „Handwerk, errette dich!“ Aus dem mag auch, wer ihn nicht persönlich kennt, sich eine Anschauung von Kinkels republikanischem Sozialismus zwischen den Zeilen herauslesen.
Kinkel gehört zu den bis jetzt noch selten öffentlich hervorgetretenen Charakteren, welche revolutionär werden, weil sie im tiefsten und allein edlen Sinne konservativ sind. Der vulgäre, abstrakte Konservatismus ist eine bloße Verneinung und stößt nach rechts und links hin alles von sich, was das Individuum in seinem geistigen, gemütlichen und materiellen Behagen zu stören droht. Der wahre Konservatismus ist eine tiefgewurzelte Treue gegen Vernunft und Freiheit in den philosophischen Charakteren, eine reiche unwandelbare Liebe zur freien gesunden Natur in den poetischen Charakteren. In der letzteren Reihe steht Kinkel. Gegen die bürokratische Willkür und das mechanische Zuschneiden des alten Systems, gegen die engen Einschränkungen und das schlechtfranzösische Zustutzen des ganzen politischsozialen Lebens, mit einem Wort: gegen diese feinselige destruktive Macht empörte sich in ihm die ursprüngliche Liebe zur heiligfreien Natur, zur unverkümmerten Entfaltung aller Individualität der einzelnen, der Gemeinden, der Arbeitsgenossenschaften, des Volkes und der gesamten Gesellschaft.
Wie die friedlichen conservativen Deutschen von 1813 gegen das ihnen revolutionär aufgedrungene fremde Wesen zu den Waffen der Notwehr griffen, um ihr eigenes konservativ zu behaupten, wie seine freie eigene Lebenswelt vom alten System zerstört werde, endlich der Sporn, dies „Kind des Friedens“ in den Kampf zu treiben. Schon in den ersten Tagen seines Aufenthalts in der Pfalz, als alles um und in ihm noch Hoffnung war, schrieb er in die Heimat jenen ergreifenden Brief, worin er als sein persönliches Ideal die Seligkeit eines einfach bürgerlichen Lebens in froher Tätigkeit des Denkens und Dichtens, so wahr bezeichnet und seinen Entschluß zum Kampfe nur aus der festen Überzeugung ableitet, daß allein die volle Befreiung des Volkes der Weg zu solcher vollen Lebensfreude für den einzelnen wie für alle sei. So ist auch sein Sozialismus im edlen Sinne konservativ. Seine ganze Natur protestierte gegen die öden Systeme des uniformiertenbürokratischen Kommunismus und der destruktiven Gleichmacherei, unter der das ewige Naturrecht der Individualität verschwindet. Den einzelnen und die durch freie Neigung zu gleicher Arbeit verbundenen Genossenschaften ruft er zu eigener Tätigkeit auf: „Handwerk, errette dich selbst!“ Sein sozialistisches Ideal in dieser Sphäre ist ein freier Organismus, dessen Gesetze die Selbstständigkeit des Individuums, die höchste Ausbildung aller Arbeitskräfte und jedes Handwerks in seiner Eigentümlichkeit zum Zweck haben. Der Handwerker soll auf eigenen Füßen stehn, statt von den fabrikmäßigen Spekulationen des Kapitals, wie jetzt, ausgebeutet und erdrückt zu werden. Die soziale Gesetzgebung soll es ihm möglich machen, ein Haus und eine Familie zu gründen, ein Meister und Lehrer seines Handwerks, statt ein entreprenierender Kapitalist zu werden. Erst von ihr hofft der Dichter dann eine Wiedergeburt der einigen edlen Erscheinung der mittelalterlichen Zustände, daß das Handwerk, so weit es seiner Natur gegönnt ist, hinüberreiche in die höhere künstlerische Tätigkeit und so der Gipfel dieser Lebensgestalt in die Lichtregion des Geistes und der Schönheit erhoben werde. Aber eben weil nicht alle Arbeit dieses Adels in ihrer Eigentümlichkeit fähig ist, muß allen der Stolz der republikanischen Freiheit, der geistigen Bildung und die Fähigkeit zum Erkennen und Genuß des Schönen erreichbar gemacht werden, damit auch der Geringste dann seines menschlichen Adels so froh werde, wie jetzt sein Pariathum ihm die Seele zum Staube drückt. Die Romantiker schaudern vor der Republik, weil ihre beschränkte Phantasie eine Nivellierung der Kontraste und Individualitäten und damit das Ausgehn des poetischen Stoffes fürchtet; die gesunde Phantasie des modernen Dichters schaut den Reichtum der neuen Welt und er fordert die soziale Revolution, damit endlich die vollbefriedigte Lust am Dasein die Seele der Poesie neu belebe. Er weiß, daß nur eine großartige neue Weltgestalt eine ihr ebenbürtige Poesie aus sich zeugen kann, die dann wahrhaft konservativ sein wird.
Über das rasche Werden dieser neuen Welt haben wir alle uns seit dem März wohl mehr als einmal getäuscht; wer wollte es dem Dichter verargen, wenn seine Phantasie seine Hoffnungen bestimmte! Auf den Höhen seiner Anschauung, wo er nur große historische Gestalten sah, zog auch die Gestalt eines mächtigen Führers ihm vorüber, als er sang:
„Wenn erst um uns die Pulverwolken nachten:
Dann kommt der eine, der befehlen kann!“
Die deutsche Geschichte war ärmer; mit bitteren Gefühlen mochte Kinkel sich dieser Worte erinnern, als die ganze Revolution zuletzt scheiterte, weil der eine fehlte, der befehlen kann.
Den Siegern aber wird ihr Plan nicht gelingen, den Gefangenen zu erniedrigen, um dann das Beispiel und die Talente des begnadigten Apostaten für ihre Zwecke nutzen zu können Sie begreifen das ganze Gewicht, welches Kinkel in die Wagschale der Revolution warf. Durch politische Kenntnisse und parlamentarische Beredsamkeit sind ihnen andere gefährlicher gewesen als er; daß aber ein Dichter, daß eine Persönlichkeit, die so edle aristokratische Eigenschaften glänzend in sich vereinigte, unter die rote Fahne trat, das verschmerzen sie schwer. Denn auch der regelmäßige Trost der Verdächtigung ist ihnen abgeschnitten; niemand glaubt an unlautere oder kleinliche Motive, wo er ein solches Opfer der Überzeugung gebracht sieht, wo ein Staatsamt, eine sichere Existenz, ein ganzes beneidenswertes Glück ohne Hoffnung auf persönlichen Gewinn an eine schwankende gefährdete Sache gesetzt wird. Die Rache ist umso unerbittlicher, je mehr der Märtyrer eine allgemeine Anerkennung und Teilnahme in der gebildeten Nation und nicht bloß innerhalb einer politischen Partei findet. Er wird dann nicht nur für das gestraft, was er tat, sondern auch für das, was er ist. Diese Art der Rache hat Methode, denn freilich wirkte er auch nicht bloß mit seinem Thun, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit.
So brachten sie Kinkel nach Naugard und entehrten sich selbst, während sie ihn zu erniedrigen glaubten. Als er sich zum erstenmal in der gemeinen Sträflingsjacke, in Sklaventracht mit kurz geschorenem Haar erblickte, ist ihm vielleicht seine eigene Gestalt von jenem Abend vorübergeschwebt, wo der vor Goethe’s Iphigenie versammelte auserwählte Kreis ihn als Orest im edlen griechischen Gewande sah? Als er im Kerker zum erstenmal erwachte, schien ihm die Wirklichkeit nicht wie ein wüster Traum? Den er hätte wegschmeicheln mögen mit jenen süßen Worten des halb schlummernden Orest:
Noch einen reiche mir aus Lethe’s Fluten
Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
Bald ist der Traum des Lebens aus dem Busen
Hinweggespült   .
Nein, armer Orest! Du lebst und vor dir gähnt die unabsehbare Wüste, auf Lebenslänge! Wir sind noch gefesselt im öden Tauris. Wir zielten nach Ägith’s fluchbeladenem Haupte und trafen nur das arme Mutterland. Aber der Schlaf unserer langen Nächte ist sanft, denn die Eumeniden dieser Zeit umschweben andere Häupter als die der Besiegten und Gefangenen. 

Theodor Althaus erinnert sich: Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale (1850)

Bildquelle: Bernhard Höfling: Porträt Gottfried Kinkel, Druck, Köln, Kölnisches Stadtmuseum

Mittwoch, 9. November 2016

9. November 1848: Brief von Robert Blum an seine Frau Jenny



Mein teures, gutes, liebes Weib, lebe wohl, wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht ist. Erziehe unsere - jetzt Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unserer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles, was ich empfinde, rinnt in Tränen dahin, daher nochmals leb wohl, teures Weib! Betrachte unsre Kinder als teures Vermächtnis, mit dem Du wuchern mußt, und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend, die letzten Küsse von 
                                                                 Deinem Robert

aus: Robert Blum. Briefe und Dokumente. 1981. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig S. 125/126


Sonntag, 6. November 2016

Erinnerungen an Julius Fröbel



Von den bedeutendsten Charakteren unsrer Revolution ist vielleicht keiner so rasch aus dem gelehrten Halbdunkel mitten in die helle Popularität getreten und so geräuschlos, fast ohne absichtliches Zuthun, zum idealen Repräsentanten einer Partei geworden wie Julius Fröbel. Von den zahllosen Lesern der Schriften, welche aus dem schweizerischen Hauptquartier der deutschen Opposition in das heißhungrige Deutschland herüber geschmuggelt wurden, kannte nicht der tausendste Theil den Namen dessen, der das „Literarische Comptoir“ leitete. Fröbel hatte Deutschland verlassen, als er selbst sich noch nicht einmal mit Politik beschäftigte; sein Antheil an ihr in Zürich war nicht so bedeutend, um außerhalb der Schweiz die Blicke auf ihn zu ziehn; und als endlich die Revolution ausbrach, lebte er seit kaum einem Jahre, als stiller wissenschaftlicher Einsiedler, auf deutschem Boden, wo auch die Veröffentlichung seines Systems eben kein Aufsehen erregt hatte. Als das zündende Wort: französische Republik! über den Rhein blitzte, mußte er die seit längerer Frist über andren Studien vernachlässigten Zeitungen erst nachlesen, um das Geschehene zu begreifen,  und wenig Monate darauf stand er, ohne auch nur den Blick nach einer solchen Stellung gerichtet, geschweige denn dafür agitirt zu haben, an der Spitze sämmtlicher demokratischen Vereine Deutschlands.
Er erlebte es hierbei nicht zum erstenmal, daß das Schicksal ihn plötzlich auf eine Bahn brachte, für die ihn kein absichtlich dahingerichtetes Streben und kein langgehegter Wunsch, sondern die ruhige Entwicklung seines geistigen Lebens und seines ganzen Charakters vorbereitet hatte. Auch zur Politik überhaupt war er auf eine ähnliche Weise gekommen. Erziehung und zufällige Lebensverhältnisse hatten ihn – gegen seine eigentliche Natur – ganz vom öffentlichen Leben abgelenkt. Als er im Jahr 1833 aus seiner deutschen Heimath in die Schweiz kam, fand er im stillen Betrieb der Erdkunde und der Naturwissenschaften seine volle Befriedigung, und die politischen Stürme der Schweiz, von denen er gleich Anfangs so gut wie Andere hätte bewegt werden können, gingen wie die Handlungen eines Drama’s auf der Bühne an ihm vorüber. Zufällige Umstände und seine eigne Geistesstimmung brachten ihn in Zürich vorherrschend mit Personen zusammen, die ein ähnliches außer den politischen Bewegungen stehendes Leben führten. Wenn nach Verlauf der ersten Jahre dann und wann ein augenblickliches Interesse für ein einzelnes Ereigniß in ihm erregt ward mußte dasselbe in einem allezeit sich selbst bescheidenden Charakter bald wieder von dem Gedanken beschwichtigt werden: daß er ein Fremder im Lande sei, dem es nicht zustehe, sich in dessen öffentliche Verhältnisse einzumischen. Indessen verstärkte sich doch allmählich mit der unwillkürlich gewonnenen Einsicht in die Verhältnisse, dieses Interesse. Das Jahr 1838 war der Anfang zu einer entschiedenen Veränderung seiner Lebensrichtung. Er erhielt in diesem Jahre das Bürgerrecht des Cantons Zürich und mußte sich bald sagen, daß er sich erst jetzt als ein Mann erschien. Wahre Freude gewährte es ihm nun, zunächst in seiner Gemeinde an Gesellschaften und Vereinen theilzunehmen, in die er vorher nicht zu gehören glaubte, und noch lieber unterzog er sich den Pflichten, die ihm eine Wahl in die Secundarschulpflege von Neumünster auferlegte. In diesen kleinen Verhältnissen, in den engsten Kreisen des politischen Lebens in einem Freistaate, erhielt er das erste thätige Interesse für eine Seite des Lebens, die ihm bis dahin fast ganz verschlossen gewesen war. Ein neuer Sinn ging ihm auf, und das Neue fing an, auf Kosten dessen, was früher der Inhalt seiner geistigen Thätigkeit gewesen, größeren Raum in Anspruch zu nehmen.
Es war eine verhängnisvolle Zeit, in der Fröbel diese Elementarschule der Politik durchmachte,  der Sommer 1839 mit den Verhältnissen, welche die reaktionaire Revolution des 6. Septembers hervorriefen. Er war bis dahin fast nur mit Personen umgegangen, welche entweder überhaupt politisch indifferent waren, oder nachher auf Seiten der Septemberpartei gesehen wurden; mit den Radikalen hatte er in gar keinen persönlichen Berührungen gestanden. Aber am 6. September des Abends war er nicht nur in seinen politischen Principien, sondern auch in seinen Sympathien ein Radikaler! Der Umsturz jenes Tages erschien ihm noch Jahre nachher als die stärkste geistige Einwirkung, die er in seinem Leben empfangen. Von da an hatte er am Betrieb der Naturwissenschaften keine Freude mehr. Freiwillig legte er seine Professur der Mineralogogie an der Universität nieder. Dann schien die Geographie und Ethnographie ihm doch wieder noch ein Band der Natur mit dem Menschenleben zu bilden, und in diesen Studien hoffte er Beruhigung zu finden, aber vergeblich. Er sehnte sich nach dem praktischen Leben, nach einer Lage, die ihm gestattete, auf die öffentlichen Zustände zu wirken, und diese glaubte er sich zu schaffen, als er die literarische Leitung des „Comptoirs“ übernahm. Die deutschen Regierungen empfanden bald bitter den neuen Geist. Welche Opfer Fröbel und seine Familie diesem Unternehmen brachten, darf die Freundschaft um so eher sagen, je seltner ein Wort davon über seine eignen Lippen gekommen ist. – Außer den langsam gereiften Studien der folgenden Jahre wirkte er auch als Publicist für seine Partei und scheute das Gefängniß nicht.
Im Sommer 1847, wo er nach Dresden übersiedelte, erschien zum erstenmal unter seinem Namen das „System der socialen Politik.“ Dem oberflächlichen Urtheile, welches nur auf eine gewisse Summe der Resultate für die Neugestaltung des Lebens sieht, ist die Bedeutung dieses Werkes freilich, ganz verschlossen; es erblickt darin nur eine Art der socialen Demokratie neben manchen andren gleichbedeutenden Gestalten. Aber der Unterschied zwischen diesem Werke und den früheren Systemen verzweigt sich bis in die allerletzten Wurzeln, und so ist auch, wenn wir von der ethischpolitischen Wirkung auf die Menschen reden wollen, Fröbels Theorie eine ernste nachhaltige Schule der praktischen Sittlichkeit, ein Agens zur Totalreform des ganzen Menschen, ihre Frucht für das Individuum eine innre Freiheit, die sich zwischen den Polen des energischen Enthusiasmus und der still arbeitenden Resignation bewegt. Die meisten französischen Systeme dagegen haben dem Publikum und ihren Schülern nur den Brandstoff einer ganz nach außen geworfnen, permanent gewaltsamen Revolution in die Adern geträufelt, einen lediglich auf das Allgemeine, auf politische Institutionen und materielle Zustände der Gesellschaft gerichteten Enthusiasmus in der Masse hervorgerufen. Denn der frühere Socialismus und Communismus, ganz dem französischen Charakter gemäß, und darin mit den alten Politikern noch verwandt, ging vom allgemeinen Begriffe des Staates aus und ordnete dies Allgemeine nach den abstrakten Dereten der Feieheit und Gleichheit. Eben so gehen die monarchischen Politiker von dem Begriffe des Staates aus und construiren dann nach einem willkürlichen Gemisch religiöser, historisch hergebrachter, und von der jedesmaligen Rechtsphilosophie begründeter Forderungen. Das Gesellschaftsbild des französischen Theoretikers ist gewöhnlich das Resultat vom erobernden Aufstreben der Untern zu den Höhen der Reichen, und dem Herabstürzen der letzteren von ihren Sitzen; der Individualität ist nur in Bezug auf die zu verwerthenden Talente und Arbeitsfähigkeiten Rechnung getragen. Fröbel, der deutsche Theoretiker, hat zuerst das gesammte politischsociale System auf eine neue Bearbeitung der Ethik gegründet, und während die Franzosen aus der abstrakt allgemein decretirten Freiheit und Gleichheit ableiten, hat er Alles aus den sittlichen Forderungen des Individuums mit Nothwendigkeit erwiesen. Ihm ist die „Gesellschaft“ nicht das Schema, in welchem die Einzelnen wohl oder übel untergebracht werden, sondern sie ist ihm das werdende Resultat, welches aus der freien und sittlich nothwendigen Verbindung der Individuen zum Gesammtwirken von den kleinsten Kreisen bis in den allumfassenden, erst entsteht. Damit ist der französische Erbfehler des Mechanismus, den unsre Büreaukraten copiren, principiell vernichtet; aber auch das vage romantische Gerede vom bloß „Organischen“ findet seine Kritik. Die Staatsgesellschaft erscheint als das höhere Ganze, welches am Mechanismus Theil hat, insofern dieser nur das System der technischen Mittel zur Freiheit ist, und welches einem Organismus darin gleicht, daß die Einzelnen und jeder Lebenskreis in engster Wechselwirkung zu einem Ganzen verbunden sind.
Die ernste ethische Begründung dieses Systems, und die Lebensfülle, welche dieses Ideal darstellt, mögen jene oben bezeichnete, zwischen Enthusiasmus und Resignation schwebende Freiheit erklären, zu der es heranbildet, und welche sich im persönlichen Charakter seines Schöpfers so ganz offenbart. Diese Freiheit ist auch das Geheimniß des Respekts, mit welchem das Buch aufgenommen wurde, eben wie der Achtung, die Fröbel so allgemein sich rasch erwarb, und des Zaubers den seine Persönlichkeit selbst auf seine Feinde ausübte. Der Enthusiasmus ist weder neu noch selten, seltner schon mit  der wissenschaftlichen Klarheit verbunden; erst durch die letztere werden Charaktere möglich, in denen außer diesen beiden Eigenschaften eine neue Resignation, ruhig und doch bewegt erscheint. Gegenüber dem sentimentalen und unwiderruflichen Resigniren, das in Deutschland so weit verbreitet in brütenden Klagen vegetirt, ist dieses neuen Charakters eigenthümlicher Reiz die geistvoll lebendige Theorie und ein Etwas, das wie Morgenschimmer am dunklen Wolkensaum schon einen allverwandelnden belebenden Tag ahnen läßt. In der vorrevolutionairen Zeit mußte, zumal in einem weit mehr der Wissenschaft als der Tagespolitik gewidmeten Leben, die Resignation ein leises Uebergewicht erlangen. „Die Erfolge unsrer theoretischen Entwicklung,“ schrieb Fröbel in der Vorrede zum System, „liegen noch in weiter Ferne, und der politische Schriftsteller hat nur die Wahl, entweder die principielle Perspektive auf die Zukunft, oder die politische Arena der Gegenwart aufzugeben. Ich habe das letztere vorgezogen.“ – Die Revolution kam und führte ihn in die Arena. Aber jene Freiheit war im Mittelpunkte seines Lebens schon so fest gewurzelt, und die Harmonie zwischen jenen beiden Gegensätzen war schon so ganz in seinem Charakter ausgeprägt, daß auch die erschütterndsten Schwankungen jener Zeit ihn nicht ohnmächtigleidenschaftlich in ein Extrem verzerren konnten. Weder geknickt und dann mühsam zum Fortleben aufgerichtet, noch jäh zerbrochen wurde seinLeben in jenen Stürmen; der edle Stamm blieb festgewurzelt und stand endlich wieder in elastischer Freiheit da.
Von der rein menschlichen Idealität, deren Eindruck das unbewußte Gemüth nicht weniger wie das psychologisch scharfe Auge aus seiner Persönlichkeit empfingen, hatte die Revolution, als solche und als deutsche Revolution, eine letzte Beschränktheit entfernt, die ihm als Nachwirkung seiner früheren Lebenssphäre geblieben war. Will man es nicht zu sehr pressen, so möchte ich sagen: der schweizerische Zug in seinem Charakter verschwand, sofern er etwas beschränkendes, ihm nicht nothwendig eigenthümliches war. In dieser vielbewegten Zeit seines oft wechselnden Aufenthalts traten ihm persönlich eine Fülle neuer Charaktere mit größerem Phantasiereichthum und anders belebter Leidenschaft entgegen, als sie dem strengeren, einfacheren und mehr verschlossnen schweizerischen Typus gewöhnlich sind; ein anregender Verkehr mit originellen künstlerischen und speculativen Naturen, und überhaupt die weitere und reichere deutsche Atmosphäre mußte den leisen befreienden Einfluß üben, der vielleicht noch zur Erfüllung der Harmonie nothwendig war. Noch kurz vor dem Ausbruche hatte Fröbel, wenn ich mich recht erinnre, den Gedanken: sich um das Amt eines eidgenössischen Staatsschreibers (Unterstaatssecretair im Auswärtigen) zu bewerben. Jetzt mußte  aber natürlich die Theilnahme für die friedlich langsame, fast allzu ruhige Reform der schweizerischen Vorortsaristocratie in ein einigeres, centralisirteres Bundesregiment, so gut wie ganz verdrängt werden von den gewaltigen Erschütterungen des Nationalitätenkampfs in Mitteleuropa, wo seinem politischen Blick die ersten ungeahnten Umrisse eines neuen großartigen Staatensystems sich enthüllten. Verstand, Gemüth, Phantasie, den ganzen Menschen, hob die Revolution über jene schweizerische Eigenthümlichkeit, die man, wenn auch selten, doch als eine Schranke empfinden konnte, empor.
Das letzte Denkmal seiner Thätigkeit, welches noch innerhalb derselben steht, ist das Trauerspiel: „Die Republikaner“, welches im Jahre 1847 geschrieben und Anfangs des folgenden in Leipzig aufgeführt wurde. Die edle Sprache, die republikanischen Principien und das neue Interesse: den entscheidenden Akt eines Drama’s ganz von einer regelmäßigen republikanischen Volksversammlung auf der Bühne ausgefüllt zu sehn, erwarben dem Stück einen ehrenden Beifall, den es außerdem recht eigentlich unmöglich zu machen schien. Frauen mit lauter Nebenrollen – keine geschlechtliche Liebe als die sehr einfache des Helden zu seiner Frau – keine Entwicklung der einzelnen Charaktere im Verlauf des Drama’s, sondern nur die Entwicklung der Bürger von Genf aus dem lockern Verhältniß zu Savoyen zur vollen Freiheit – Alles so einfach und der Held selbst so ganz klar und ruhig anspruchslos wie der Dichter: das war kein Drama für die große Bühne, sondern etwa für ein kleines Volksdilettantentheater in irgend einem schweizerischen Canton, dessen Bürger mit Wohlgefallen sich selbst und ihre tüchtige, aber bürgerlich beschränkte Welt idealisirt gesehn hätten. Die poetischen Principien dieses Drama’s, sein Inhalt und der ganze Charakter seines Helden, erscheint dem Auge nun wie ein noch immer ähnliches Bild seines Dichters; aber mit seinen abgeblaßten Farben und seinem engen Rahmen doch so fern von dem tieferen wärmeren Lebenscolorit und dem weiteren Rahmen des gegenwärtigen Bildes.
Von Dresden wurde Fröbel nach Mannheim an die Redaktion der deutschen Volkszeitung gerufen. Als dies Blatt, mit der Revolution entstanden, nach dem Hecker’schen Aufstande unterdrückt wurde, ging er nach Frankfurt. „Ein unthätiger Beobachter der Dinge, die da kommen werden – wie werde ich den Drang des Kopfes und Herzens befriedigen? Was soll ich, dem es nicht vergönnt ist, im Rathe des Volkes zu reden, was soll ich thun, wenn mich die Freude oder wenn mich vielleicht der Unwille übermannt? Wenn ein kritischer Gedanke mir keine Ruhe läßt, oder Betrübniß und Niedergeschlagenheit sich meiner Seele bemächtigen?“ – Er griff zur Feder und schrieb diesen Anfang des ersten „Reichstagsbriefs“, an Lamartine gerichtet, welchen er vor einigen Jahren, als er zwischen den Rebenhügeln von Macon (auf einer Reise nach Paris) eine Stunde mit ihm sich unterhielt, mit bestimmter Voraussicht seines geschichtlichen Instinkts als den Mann der nächsten großen Situation erkannt hatte. Der zweite Brief war an Gagern gerichtet, ein halb theoretisches, halb an die Person gewendetes Plaidoyer für eine Amnestie der badischen Republikaner. Er bemerkte schon in jenen ersten goldnen Tagen die erst später so schroff hervortretende despotischleidenschaftliche Seite in Gagerns Naturell, aber vergebens appellirte er an die andre Macht des Edelsinns und des gesunden Freiheitsgefühls. Eine ähnliche Petition, die er für einen frankurter demokratischen Verein entwarf, brachte ihn in nähere Bekanntschaft mit diesem Lebenskreise, und Fröbels anspruchslose, ganz nur von der Sache erfüllte Natur trat in helles Licht gerade neben den komischen Bestrebungen eines Agitators aus dem Schweife der Demokratie, welcher seinen eignen gemeinen Maßstab anlegend, unter der Hand den Mitgliedern zu verstehen gab, Fröbel sei als eine Autorität, eine ungeheure Respektsperson zu behandeln, der man aufs Wort folgen und glauben müsse. Nicht weniger komisch war die Art, wie einige Herren des badischen Constitutionalismus ihren früheren guten Bekannten öffentlich vermieden, um nicht als Mitschuldige der gefährlichen Wühlereien zu erscheinen, mit denen sie ihn jetzt beschäftigt glaubten. Der Eindruck von Fröbels Persönlichkeit auf die Geister, welche den seinen nicht begreifen, war diesmal wie in andren Fällen die einzige Ursache der Vermuthung; das Bedeutende, was sie fühlten, wurde von ihnen immer in eine andre als die geistige Sphäre übertragen, und so galt er oft als der gefährlichste Verschwörer im Stillen, während er vielleicht gerade dann einzig mit der Lösung irgend eines theoretischen Problems beschäftigt war. An ihn ist die Intrigue zuweilen in interessanter Weise gekommen, von ihm ist sie nie weder ausgegangen noch fortgeführt; sein Geist ist gewandt genug, um ihr auf gewissen Wegen beobachtend zu folgen, aber sein Charakter ist unfähig zu ihren Windungen und kleinlichen Mitteln. Seine Waffen gegen sie sind nur die erworbnen der Erfahrung und Menschenkenntniß; wie leicht aber seine harmlose Natur zu hintergehen war, hat der große literarische Gauner Fr. Rohmer seiner Zeit in Zürich wohl calculirt.
Der „erste Congreß der deutschen demokratischen Republikaner“ war zum 14. Juni nach Frankfurt ausgeschrieben, und der dortige vaterländische Verein, dem die Vorbereitungen oblagen, hatte Fröbel zu einem seiner Deputirten ernannt. Dem Volke wurde er erst auf einer in Hochheim abgehaltnen Versammlung bekannt, zu der er nur von einem Bekannten fast gepreßt war, weil Mangel an Rednern sei. Der erste Eindruck seines Auftretens in einer Vorversammlung des Congresses war so mächtig, daß fast alle Stimmen sich auf ihn bei der Wahl des ersten Präsidenten vereinigten. Wer ihn dann in den folgenden Tagen vor einer von stürmischen Kämpfen bewegten Versammlung dies Amt ausüben sah, mußte nicht nur aus der überlegnenen Gewandtheit im Allgemeinen, sondern noch mehr aus der, weit schwerer zu erwerbenden technischen Vollendung (zu der Gagern es nie gebracht hat) auf einen Meister vielfacher Praxis schließen, und doch war es erst das zweitemal, daß Fröbel überhaupt öffentlich redete. Theoretisch hatte er sich eine echt demokratische Präsidialtechnik ausgebildet, bei der es nie, wie im hergebrachten parlamentarischen Schlendrian, dazu kommen konnte, daß nach langen Debatten endlich nichts beschlossen wäre. Sie bewährte sich so glänzend, daß einige Centrumsmänner aus der Nationalversammlung, von malitiöser Neugier auf die Gallerie des „deutschen Hofes“ getrieben, nachher seufzend von der „wahrhaft spartanischen Kürze und Energie“ der Verhandlungen sprachen.
Sehr wenige Mitglieder der Linken betheiligten sich daran; die Fahne der demokratischen Republik war noch nicht im Parlamente aufgepflanzt, und unter dieser erschien der ganze Congreß. Die besten Kräfte der populären Revolution, besonders aus dem südlichen und mittleren Deutschland, waren in ihm vereinigt. Dem oberflächlichen Witze bot sich der leichte Spott dar: der Congreß hätte über die wichtige Frage debattirt, ob die demokratischsoziale Republik die einzig haltbare oder die einzig mögliche Verfassungsform für Deutschland sei. Jedenfalls ist das Parlament auch nicht weiter als bis zu einer Verfassungsform gekommen. Aber die beiden genannten Worte waren die Losung eines halb offenen halb versteckten Kampfes zwischen zwei Parteien, der mit allem Aufwande von Kraft, List und Beredsamkeit geführt, den Congreß fast zu zerreißen drohte. Einzig „haltbar“ wollte die besonnene, gemäßigte Partei die Republik nennen, weil die geschichtliche Entwicklung und alle Möglichkeiten von Uebergangsformen des Staatslebens klar vor ihrem bebilderteren Auge lagen; „einzig möglich“ wollten die Revolutionaire sagen, um die ganze Partei sofort in die Conspiration und Insurrektion um jeden Preis herüberzuziehn und sich, als den Siegern in der Debatte, auch die praktische Leitung durch die Wahl in das Centralcomité zu sichern. Nicht Bassermann’sche Gestalten, aber wohl ergreifendere Persönlichkeiten und Physiognomien des ausgeprägtesten Terrorismus, Robespierr’sche Töne und Conventsleidenschaften traten in diesem Kampfe von der letzteren Seite auf. Mitten in und über dem Gewirr dieser Gestalten und Stimmen war der Präsident in Mienen und Haltung die geistig und ethisch über Alle hervorragende Erscheinung, und wie im Parlamente Gagerns Stimme die mächtigste Wirkung von allen andren ausübte, so tönte Fröbels weit feinere und schlankere Stimme, mit keiner anderen zu vergleichen, doch überall vernehmlich und beherrschend; fast wie die beseelte menschliche Stimme über allen Instrumenten eines mächtigen Orchesters sich behauptet. Die Republik hatte, gegenüber jenem bewunderten Organe der constitutionellen Monarchie, hier ihren ebenbürtigen Repräsentanten gewonnen. Wenn Hecker mit seinen leidenschaftlich schroffen Formen durchaus den einseitigen und diktatorischen Republikanismus der ersten französischen Revolution, und Struve in jeder Beziehung den abstrakten Radikalismus derselben darstellte, so trat in Fröbels Persönlichkeit die ganze Milde des socialen humanen Elements und die vergeistigende Klarheit der großen theoretischen Arbeiten hervor, welche den Charakter des neuen Ideals im Gegensatz zu den einseitigen überwundnen Idealen bestimmen. – Sein eignes Wesen im Privatverkehr, so unendlich fern es von demagogischer Cordialität war, machte eine demüthige und schmeichelnde Bewunderung in’s Angesicht, wie sie für andre Kreise paßt, fast unmöglich; aber der Enthusiasmus, den er unter den Gleichgesinnten und Gleichgestimmten erweckte, wurzelte doch in einer innigen Verehrung, obwohl sie in den demokratischen Umgangsformen kaum laut und äußerlich erschien.
In das Centralcomité der Vereine gewählt, ging Fröbel zunächst nach Berlin. Die Reaktionspartei, welche damals noch im potsdamer Fieber von einer Conterrevolution mit dem Prinzen von Preußen an der Spitze träumte und projektirte, scheiterte in ihrem Versuch, unter der Vorspiegelung gewisser gemeinsamer Interessen den Chef der populären Demokratie für ihre Zwecke zu benutzen. Von Berlin ging Fröbel nach Wien, und der Aufenthalt in dieser Weltstadt, wo die mitteleuropäischen Nationalitäten sich berühren, reifte in ihm jene Anschauung eines neuen Staatensystems, welche später so wunderbar eine Katastrophe seines Lebens entschied. Von Wien zurückgekehrt, forderten ihn die Demokraten der reussischen Ländchen, denen er nur durch den Ruf bekannt war, zu einer Bewerbung bei der neuen Wahl eines Parlamentsmitgliedes auf, und so trat er, gegen sein Erwarten, in jene Nationalversammlung, neben der er einst den demokratischen Volkscongreß geleitet hatte. Die Mitglieder der Partei wählten ihn dann zu jener Deputation mit Robert Blum nach Wien, wo er zum erstenmal in den Strudel einer Revolution gerissen wurde und für die Freiheit in Waffen stand.
Das klare Bewußtsein des freien Menschen kann keine Freude daran haben, wenn große Entscheidungen ganz allein durch den Zufall herbeigeführt werden. Fröbel war glücklicher, indem wesentlich sein Charakter sich selbst das rettende Schicksal schuf. Wien als Centralpunkt gefordert zu haben, das würde schwerlich ein Milderungsgrund für das Urtheil gegen einen fanatischen Republikaner gewesen sein; aber ohne irgend einen andren Antrieb als den seiner Natur, hatte er in jener Broschüre mit dem ihm eignen weitschauenden und besonnenen Blick alle Uebergangsformen berücksichtigt, in denen das neue Staatensystem, retardirt durch die rohnatürlichen Elemente seiner Bevölkerung, sich allmählig bis zur republikanischen Föderation entwickeln könnte. Gegen die „monarchische Demokratie“ hatte er wenig zu erinnern gefunden, wenn nur die rechtliche Stellung des erblichen Fürsten vernünftig geordnet, nämlich rein auf die Executive beschränkt sei. Wenn seine Richter das auch schwerlich ganz verstanden, so hatten die einflußreichen Personen doch den richtigen Eindruck empfangen, daß sie es hier mit einem Charakter zu thun hätten, der nicht rein in die Agitation und das Revolutioniren aufgehe. So ward er freigesprochen und konnte mit Recht sich selbst als den Schöpfer seines Schicksals betrachten.
In Frankfurt trat er dann mit seinem Berichte über Wien zum erstenmal auf die Tribüne des Parlaments. Eine peinliche Spannung herrschte im größeren Theile der Versammlung; denn was ließ sich nach gewöhnlicher Ansicht anders erwarten, als daß der in seinem Recht wie in allen tiefsten Gefühlen Gekränkte und Erschütterte, mit dem Mordgerichte und der brennenden Stadt in frischer Erinnerung, volle Schalen des Zorns ausgießen und leidenschaftliche Anklagen gegen die „Verräther“ schleudern würde! Was war vollends bei einem Republikaner denkbar? – Nun erschien er in so vollendeter Ruhe und Einfachheit der Darstellung, daß nur die Sache selbst zu reden schien; und dennoch war es nicht die geschäftsmäßige Gleichgültigkeit eines Aktenreferates, sondern das geschichtliche Bild zeigte sich wie auf dem künstlerisch ferngehaltnen Hintergrunde eines von all den eignen Erlebnissen tief bewegten Charakters. Die Centren konnten sich dem Eindrucke des Aristokratischen in dieser Persönlichkeit nicht entziehn, aber es war ihnen neu in dieser demokratischen Färbung, wo statt der vornehmen Würde die anspruchslose, statt der herablassenden und noch etwas zurückhaltende Humanität, die einfach in sich selbst ruhende und frei natürlich sich bewegende, ihnen entgegentrat. Was damals weder Gagern noch irgend ein Andrer bei wichtigen Veranlassungen mehr erreichen konnte, wurde dem Mitgliede der äußersten Linken zu Theil: ein allgemeiner lebhafter Beifall am Schlusse des ganzen Vortrags.
Weiterhin hat Fröbel selten gesprochen. Gegen das Kaiserthum haben Manche beredter und glänzender opponirt; aber daß es ein Windmühlenkampf war, und ihre eifrigen Forderungen einer republikanischen Form damals, wo es sich um eine sofortige Einführung handelte, Luftschlösserpläne waren: dies nimmt ihren Reden das lebendige Interesse. Viel besonnener und schärfer faßte der Idealist die Gegenwart ins Auge, als er seine Abstimmung rein theoretisch motivirte und den einzigen Zweck, den sie haben konnte und sollte, genau bezeichnete: „Ich vermuthe, Sie, die Anhänger des Kaiserthums, werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen, ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber glauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, daß wir in diesem großen Wendepunkte der Geschichte unsres Vaterlandes uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, daß wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unsrer Ueberzeugung das Wohl des Vaterlandes bedingen. Die conservative Partei hat es Jahrzehnde hindurch zu ihrem Wahlspruch gemacht: „nach uns erst kommt die Sündfluth;“ erlauben Sie mir, daß ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „und nach der Sündfluth kommen wir!“
Die Ebbe, auf welche diese Fluth wieder folgen wird, warf noch eine letzte Welle an den Strand zurück,  die badische Revolution. Fröbel hielt es für seine Pflicht, ihr seine Dienste anzubieten, und Brentano sandte ihn mit unbedingter Vollmacht als Gesandten des badischen Volkes in die Pfalz. Fröbel begriff, daß das traurige Chaos dieser Insurrektion nur durch eine gänzliche Vereinigung mit den vergleichsweise doch besser organisirten badischen Kräften vielleicht geordnet werden könne; er verschaffte in der Pfalz seiner Ansicht Geltung und kehrte mit der fertigen, von der dortigen provisorischen Regierung schon unterzeichneten Unionsakte nach Baden zurück. Brentano’s Advokatenverstand erschrak über einen so energischen Schritt, er sprach von Inventar, Vermögensauseinandersetzung und dergleichen Friedensangelegenheiten und desavouirte seinen Gesandten. Die verlassene Pfalz fiel, und wenig Wochen später war Fröbel mit den Trümmern der badischen Insurrektion in der Schweiz.
Die alte Heimath konnte ihn nicht mehr fesseln, eine Wirksamkeit in ihr ihm nicht mehr genügen. Paris unter der Herrschaft der Ordnungsmänner, das er flüchtig wiedersah, ekelte ihn an. Auf deutschem Boden war er nicht mehr sicher,  er ging nach Amerika.
Er ging nicht wie Einer, der in einem Schiffbruch die Gefährten ihrem Schicksale überläßt und nur noch an seine eigne Rettung denkt. Er ging nur, weil er die Zeit, die ihm in Deutschland fruchtlos für ihn selbst wie für die Sache verloren gegangen sein würde, für beide fruchtbar zu machen suchte. Auch kehrte er nicht mit Haß gegen unsre Civilisation der alten Welt den Rücken, um im friedlichen Kreise eines Bauern zu leben und Waldland zu klären. Er wußte es zu sehr, daß unsre großen und edlen Gedanken doch ein Erzeugniß eben dieser Bildung sind, so sehr sie gegenwärtig unsren Zwecken und Idealen feindlich gestaltet ist; und daß ein widerwilliges Abwenden von dieser Bildung soviel ist, als der eigentlichen Arbeit aus dem Wege gehn. Die Hoffnung des Scheidenden war, mit neuen Anschauungen, Gedanken und Kräften des Charakters bereichert, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, einst wenn die Zeit kommen würde, zum Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren.

Erinnerungen von Theodor Althaus: Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale.



Bildquelle: Julius Fröbel 1848. Kreidelithographie von Valentin Schertle

Freitag, 4. November 2016

Erinnerungen an Robert Blum




Die RobertBlumLegion im badischen Feldzuge! Wie ein Racheschrei aus dumpfer Ferne klang mir das Wort nur einmal herüber; eine Erinnerung, kaum aufgetaucht und schon wieder von den Ereignissen überflutet. Die Legion ist verschollen; wer hat von ihren Taten gehört? Sie wurde in das unselige Chaos jener Bewegung mit hineingerissen und zersprengt, ohne eine bleibende Gestalt im Andenken des Volks, wie ein zehntes Regiment oder wie die Hanauer Turner gewinnen zu können. Dann, bald darauf unter der preußischen Herrschaft, wart Robert Blum wieder genannt, als die giftigen Stiche des Hasses den Toten noch über das Grab hinaus verfolgten: Gefängnis für den Arbeiter, der das Bild des Volksmannes auf dem Pfeifenkopfe trug, Gefängnis selbst für die Trauerschleife am Hut, deren stumme Sprache vergebens an den Frieden der Toten und ihre Ungefährlichkeit mahnte! Es konnte nicht anders sein; ergrimmt über die, welche ihn als rächenden Geist auferwecken wollten, taten seine Feinde wie die alten Ketzerrichter, wenn sie die verehrte Asche in den Wind streuen ließen. Und doch fanden sich noch immer Einzelne, die der Drohung Trotz boten und die Strafe ertrugen. War er denn wie Hecker, die Feuerzunge des jungen Ideals, Republikaner gewesen? Jeder glaubt, daß er es war; aber vor welcher Versammlung hat er jemals die Republik gepredigt oder die Fürstenvertreibung? Nie und nirgends! – So war euer Held denn einer von den Schwankenden, die ihr verachtet? – Der Mann mit dem BlumHute erwidert nur zwei Worte, um alle Verleumdungen zu widerlegen und alle Verehrung zu rechtfertigen: „Er war ein Mann des Volks!“
Dem Bürger, der ihn abends unter seinen Freunden beim Seidel Bier in vollster Behaglichkeit und gemächlich langsamer Konversation sah, mußte unbedingt das ganze Herz aufgehen bei diesem Ideale deutscher Wirtshausgemütlichkeit. Der Proletarier, wenn er den mühseligen Weg des Kölner Küpersohnes von unten auf bis ins deutsche Parlament beschrieben las, sah in ihm mit Befriedigung seines Gleichen, und wenn der Mann aus dem Volke nun selbst auf der Tribüne vor ihm stand, im bequemnachlässigen Anzuge, mit dem Hemdkragen ohne Halstuch, mit dem dichten Bart und Haupthaar um das gerötete Gesicht: dann fühlte er unwidersprechlich: der gehört ganz zu uns! Die Rede endlich erhob ihn und ließ den Redner in seinen Augen steigen,  aber wie dankbar war das große Publikum auch da für die unübertroffne wohltuende Deutlichkeit und Klarheit des Vortrags! Die Gedanken gingen nie über das Allgemeinverständliche in sentimentaler Ausschmückung und entsprechendem Tone hinaus, und hell bis in alle Winkel und Enden drang diese Glockenstimme. Es war insofern für Jeden eine Lust, ihn zu hören, und nach dem ermüdend ängstlichen Horchen auf so manche andre Nichtredner, ging ein allgemeines Aufatmen durch die Paulskirche, wenn Blum die Tribüne bestieg. Verwöhnte Ohren konnte auch er, wie Glockengeläut, ermüden, obwohl er nie zu lang sprach; das Volk aber konnte nicht satt werden, ihn zu hören. Was seine Lebensgeschichte, sein Ruhm und seine Reden vorbereitet hatten, vollendete jedes Mal seine persönliche Gegenwart unter dem Volke, während die Gebildeten oft von ihr enttäuscht wurden. Die Letzteren konnten sich über den würdelosen Eindruck seiner Erscheinung hinwegsetzen; die Massen empfingen dagegen mit Befriedigung diesen ganz aufgeprägten Repräsentanten ihres eignen Charakters, und dem idealen Bedürfnisse derselben genügte vollkommen seine Beredsamkeit, die von uns gewöhnlich nur als gewaltiges Mittel zum Zweck der Massenwirkung bewundert wurde.
Man hätte demnach meinen können, zur Idealisierung und gar zum religiösen Kultus sei keine Persönlichkeit in eminenterem Grade ungeeignet gewesen als eben Robert Blum. Wie mächtig im Volke der dunkle Drang nach neuen Idealen und ihrer Verehrung ist, zeigte sich überraschend, als im November 1848 die gedrängten Trauerzüge durch die deutschen Städte zur Feier seines einsamen Märtyrertodes zogen. Die Choräle und Gebete, bei denen wir doch manches frivole Haupt sehr ernst entblößt sahen, hätten freilich nur dem Tode gelten können; aber die Redner sprachen ganz im Sinne des Volks, wenn sie ihn verglichen mit allen Heroen und Märtyrern, bis hinauf zu dem Galiläer, der für die Freiheit der ganzen Welt sein Blut gab. Und wieder muß man gestehen, daß Blum, wenn er in einem ähnlichen Falle eine Leichenrede zu halten gehabt hätte, in ähnlicher Weise geredet haben würde, und die Tränen würden ihm aus vollem Herzen gekommen sein. Wer ihn auch nicht persönlich kannte, wird doch aus seinen letzten Zeilen die charakteristische Weichheit seines Herzens empfunden haben, und Niemand würde sich wundern, seine Worte: „Alles, was ich empfinde, rinnt in Thronen dahin!“ in einem Psalm zu lesen, statt in Blums Abschiedsbrief. Daß in fast allen seinen Reden die moralische Anschauung ihren Platz neben der bloß politisch calculirenden fand, mag man als ein Resultat seiner Bildung bezeichnen, aber diese Bildung war sein geworden und eben so wenig berechnet als die große persönliche Gutmütigkeit und Herzlichkeit seines Wesens. Viele haben ihn gehaßt; er selbst hat schwerlich einen persönlichen Feind gehabt. Was er redete oder tat: der Mittelpunkt war stets das Allgemeine, nur die Sache, der er so lange Jahre, länger und mehr als die Meisten wissen, gedient hatte.
Aber ebenso war es eine, obgleich äußerst gewöhnliche, doch durchaus oberflächliche Auffassung, wenn man die unerschütterliche Ruhe seines Wesens und die selbst in gehobnen Augenblicken nicht verschwindende Gemütlichkeit im Gespräch, und im Predigertone der Rede, schlechthin als seinen Charakter bezeichnen hörte. Wer ihn außerdem listig und intrigant nannte, blieb noch auf demselben Standpunkte. Nein, im tiefsten Grunde seiner Seele, vom Phlegma überwachsen, von der zur andren Natur gewordnen Selbstbeherrschung gezähmt, lagen die vulkanischen Stoffe eines glühenden gewaltigen Hasses, der mit ihm begraben wurde, ehe eine Schicksalsstunde der vollen Volksrevolution ihn wach gerufen hatte. Dieser Haß war noch etwas andres als der reguläre abstrakte Despotenhaß; er drohte nicht bestimmten Personen und floß nicht aus rein persönlichen Quellen, aber dennoch war etwas Persönliches darin. Blum fühlte sich als den Repräsentanten des niederen, gedrückten, verachteten und endlich aufstrebenden Volks. In Leipzig, in den friedlichen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft, in die er sich den Eintritt errungen hatte, schlummerte dies Bewußtsein. Die Revolution rührte es wieder auf, und sobald sie durch eine große Wendung ihm nur die Wahl zwischen Bürgertum und Proletariat gelassen hätte, würden wir ihn an der Spitze der Massen furchtbar und unerbittlich, über die Rümpfe seiner Gegner hinschreiten gesehn haben. Nach Wien ist er gegangen, schon von dem Dämon dieses inneren Zwiespaltes getrieben. Die Wurzeln seiner alten Macht, die fast alle im Bürgertum lagen, begannen sich mit der schärferen Parteientrennung zu lockern; besonders nach dem achtzehnten September in Frankfurt fühlte er den Boden unter sich schwanken, und in Leipzig hatte seine bewundernswürdige Gewandtheit und äußere Unerschütterlichkeit ihm doch nur einen öffentlichen, aber keinen ihm selbst genügenden Triumph über die ihm dort erwachsenen Gegner verschaffen können. Über die wichtigsten Momente seines Auftretens in Wien haben wir durchaus mangelhafte Berichte; aber selbst aus den entstellenden Referaten der Schwarzgelben hörte ich doch die fürchterliche Aufregung seines Innern durchklingen, da er auch dort nur denselben Kampf wie in der Heimat wiederfand, zu desto größrer Pein für seine Seele, als er seit Jahren an behaglichen ungestörten Machtbesitz gewohnt, nun in so neues widerwärtiges und doch unvermeidliches Ringen um seine politische Ehre und Existenz geschleudert war. Reichstag oder Proletariat und Republik? Nationalgarde oder Aula?! – als er endlich an der Sophiebrücke im Kugelregen stand, wird er seine Ruhe wiedergefunden haben. Die Rohheit gegen einen Sterbenden, welche die Verleumdung ihm zuschrieb („Schießt den kroatischen Hund tot!“) diese Worte sind nicht über seine Lippen gekommen. Wer ihn kannte, weiß es auch ohne die nachgefolgte Berichtigung, wie mitleidig er gesagt hat: Erbarme sich doch einer von Euch über den unglücklichen Menschen und gebe ihm den Tod!
Nachher das Sterben ist ihm schwer geworden. Wie schwer, begreifen ganz wohl nur die Wenigen, die von seinem jahrelangen unscheinbaren – und allzeit uneigennützigen – Dienste der Freiheit mehr wissen als in den Lebensbeschreibungen zu finden ist. Schon ehe die Augusttage in Leipzig seinen Namen durch ganz Deutschland trugen, war er der Mittelpunkt und Vermittler der liberalen Bestrebungen in Deutschland; seine Verbindungen und Hilfsquellen reichten sehr weit. Als einer der Vertrautesten ihm das Manuskript der Wiener Konferenzbeschlüsse, so viel er wußte das einzige in liberalen Händen, überschickte und wegen der Möglichkeit der Veröffentlichung anfragte, besaß Blum sie schon in einer andren Kopie und hatte sie schon in Straßburg und NewYork drucken lassen – zur Zeit, wo er noch im Leipziger Stadttheater an der Kasse saß.
Menschenkenntniß besaß er nicht viel, aber im höchsten Grade Kenntnis der Massen, und mehr als das: überhaupt den Instinkt, die allgemeine Tendenz einer Versammlung herauszufühlen und ihre Stimmung zu treffen. In Frankfurt war in den ersten Tagen des Parlaments, als die Parteienbildung begann, eine ziemlich gemischte Versammlung im Holländischen Hof, wo man sich „erst kennen lernen“ wollte. Centrumsmänner und Republikaner hatten abwechselnd mit einem Beifall gesprochen und spezielle Pläne diskutiert, der es ganz ungewiß machte, wohin die Mehrheit sich neigen möchte. Blum erhob sich, verwarf keinen einzelnen Vorschlag, sondern alle zusammen, und exponierte die allgemeine Richtung der Partei, wie er sie wünsche, mit solcher Virtuosität, daß man hätte sagen sollen, er offenbare Allen erst die Hauptsache, in der sie eines Sinnes seien und von der sie doch noch nicht geredet hätten. – Dies Vermittelnde, Conciliatorische, dieser Instinkt, wie weit die entscheidenden Massen, sei es des Volks oder der Bourgeoisie, in einem gegebnen Falle gehen würden, hatte sich in seinem sächsischen Wirkungskreise in vollem Maß bewährt. Für unsre Revolution genügte es nicht mehr; im Gegenteil verdächtigte es ihn, daß er nach beiden Seiten so weit hin die Hand reichen konnte.
Seine Persönlichkeit, so ganz aus Einem Guß, machte es allerdings schwer, ihn in dieser Beziehung anzugreifen; sie machte manchen doch wieder irre in der verwerfenden Kritik. Das Resultat dieses Schwankens war aber, daß seine Gegner ihn endlich, an der tieferen Erklärung verzweifelnd, für einen geschickt berechnenden Intriganten und nichts weiter erklärten. Man wird in allen Zeitungscorrespondenzen jener ersten Monate die Verlegenheit der Beobachter sehen; alle vermuten, daß noch etwas hinter ihm stecke, keiner wagt zu entscheiden, was es denn eigentlich sei und wen man vor sich habe. – Einzelne wollten damals, wie schon früher, etwas Lauerndes in ihm bemerken; ich las etwas andres in seinem Auge und seinem ganzen Wesen. Etwas von Triumph und Hoffnung! Es war zuweilen, als spiele er nur mit den Dingen, als belustige seine Phantasie sich an diesen kleinlichen Kämpfen und Vorbereitungen auf größere Dinge. Die Schöpfung der Zentralgewalt gab dieser Sicherheit den ersten Stoß, ich hörte es an einem sehr seltnen Ton seiner Stimme, den ich nur zweimal vernommen habe, so oft ich ihn auch öffentlich und im Privatleben reden hörte. Ein Ton, der aus dem tief erregten Seelengrunde hervor, die glatte Oberfläche mächtig zerbrach.
Das erste Mal in Leipzig im Privatkreise. Ein günstiger Zufall hatte mich gerade den Abend zu Blum geführt, wo die sächsische Partei vor der Abreise zum Vorparlamente die in Frankfurt und weiterhin zu befolgende Politik beriet. Es war eine kleine Gesellschaft, die das Wohnzimmer des Hauses bequem faßte, aber die Meinungen zu vereinigen, schien sehr schwer. Detaillierte Feldzugspläne wurden entwickelt, Einzelheiten riefen sehr abschweifende Debatten hervor, hartnäckige Wiederholungen waren häufiger als ausgleichendes Verständigen, und so waren nach einem frugalen Abendbrot die nächtlichen Stunden eine um die andre verflogen und eine unerfreuliche Zersplitterung schien das einzige Resultat zu sein. – Blum, der am oberen Ende des Tisches sein Ehrenrecht des Präsidiums bisher kaum dann und wann ausgeübt und selbst eigentlich noch gar nicht gesprochen hatte, pochte plötzlich auf den Tisch und ergriff das Wort, rasch, kurz und heftig; es war wie die Szene im Fiesko, wo mit Einmal der Führer und Feldherr der Verschwornen sich unter ihnen aufrichtet. Die Tat und nichts als die Tat, der er voranging, war der Ton dieser Worte; es grollte etwas wie Zorn über die unnützen Hindernisse, die eben diesen Weg ihm versperren wollten, in seiner Stimme. Und doch ergreift mich wieder mit tiefer Rührung das Bild, wie seine Schwester, halb seitwärts hinter seinem Stuhle lehnend, so zärtlich stolz auf den geliebten Bruder herabsah!
Das zweite Mal war es im Parlament, in seiner Rede über die Zentralgewalt. Die Rede floß wie die gewöhnlichen, eintönig hin und hielt sich in den allgemeinen Gründen gegen die Unverantwortlichkeit; aber in der Brust des Redners quoll unter diesem ebnen Strome das Gefühl empor, daß die Verantwortlichkeit der Nerv der Freiheit sei, das Erbteil des Volks, die Ehre des Republikaners! Daß mit der Unverantwortlichkeit der erste Grundstein zu dem kaum gebrochenen Zwingdeutschland wieder gelegt, und seine Hoffnungen, auch seine persönlichen, wie eine Wolke fern verschwinden würden vor dem Einzuge der alten Macht. Das Wort vom „brechenden Himmelsauge der Freiheit,“ das vielverhöhnte, sprach er noch halb im alten Kanzelton, aber am Schluß brach jenes unausgesprochene bittre Gefühl überwältigend aus in die mit vollem Haß und Ingrimm hingeschleuderten halb verschluckten Worte: „so schaffen Sie Ihre Diktatur!“ Es war, als streckte er zum ersten Mal die Löwenklaue hervor.
Doch sein ursprünglich sanguinisches Temperament, in dieser Zeit besonders lebhaft unter dem angewohnten Phlegma durchscheinend, wiegte ihn bald wieder in Hoffnungen ein. War es denn möglich, daß Gagern, der eben damals den kühnen demokratischen Griff getan, ihn nur zum Vorteil der Fürsten getan haben sollte oder wollte? Und würden die Fürsten, die doch beleidigt waren, diesen Vorteil auch nur erkennen? Mußte also die neue Zentralgewalt, um sich den eifersüchtigen Fürsten gegenüber zu halten, nicht notwendig populär auftreten und Konzessionen an die Linke machen? Damals erschien dieser Gedankengang eben so vernünftig, wie er uns jetzt ein trauriges Lächeln ablockt. In ihm bewegte sich Blum und war guten Mutes.
Eines Abends, kurz vor der Ankunft des Reichsverwesers, begegnete ich ihm auf dem Rückweg in seine Wohnung. Wir gerieten in ein so eifriges Gespräch, daß wir obwohl es ziemlich spät war, noch in eine Gaststube traten und dort in einer ungestörten Ecke es fortsetzten. „Nun, sagte er, „es treten jetzt zwei Möglichkeiten ein, entweder ein Johann von Gagerns Gnaden, oder – wenn das nicht, gleich Gagern allein hinterdrein. Für uns ist das ziemlich gleichbedeutend,  wenn mir ein Ministerium angeboten würde, soll man das annehmen?“ Ich erwiderte ihm: „Unbedingt!“ – und wie ich schon damals um seine schwankende Stellung besorgt war, leitete ich gleich darauf über, wie sein Verhältnis zu der Linken sich dann gestalten müsse. „Ja“, sagte er ganz seelenruhig, „daß man in dies Ministerium nur eintritt, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können, das versteht sich von selbst.“ – Wir gingen noch auf Kombinationen ein, und meine Bedenklichkeiten gegen sein bisheriges Auftreten hörte er mit jenem ernsten Interesse an, das ich an ihm, den mit Lob so verwöhnten von jeher sehr hoch geachtet hatte. – Dann begleitete ich ihn nach Haus, und da wir oben auf seinem Zimmer noch Stimmen hörten, folgte ich seiner Einladung und wir fanden einige Freunde in lebhaftem Für und Wider über Gagern und den Charakter seines kühnen Griffs. Nur allzu sehr bewährte Meinungen wurden schon damals ausgesprochen. Blum hatte sichs bequem gemacht und lag halb träumend im Sopha; als aber ein geringschätziges Wort über Gagerns Rednergabe fiel, widersprach er eifrig. „O“, sagte er, „Du hast ihn noch nicht ganz gesehn! Wenn der Gagern erst gereizt wird, dann wird er erhaben. Wie hat er im Vorparlament die Linke wahrhaft zermalmt!“ Und unbeirrt von allen Einwendungen überließ der Volksredner sich ganz der Lust, den Parlamentsredner mit einigen Freskozügen zu schildern. – „Sehn wir uns morgen?“ – „Nein“, erwiderte Blum, „ich fahre nach Homburg, und ich muß dorthin. Es ist hier ein kleines verwaistes Mädchen, eine ausgezeichnete Klavierspielerin, für die will ich da ein Concert zusammenbringen. – Sie heißt Märrder,  Marie, wenn Sie das auch wissen wollen.“
Am nächsten Tage begegnete ich ihm, wie er mit seiner kleinen Klientin und einer Verwandten nach Homburg fuhr. Dreiviertel Jahre nachher brachte mich der Zufall unter mehrere Parlamentsabgeordnete der Gagernschen Partei; es war an öffentlicher Gasthaustafel, und einer dieser Herren erzählte als einen Beitrag zur Charakteristik der Linken: Blum habe, obwohl Familienvater, doch in Frankfurt mit zwei Maitressen gelebt und sei sogar öffentlich mit ihnen spazierengefahren! – Blum war längst tot, seine Freunde glücklicherweise noch nicht, und ich dankte dem Zufall, der mich in den Stand setzte, die beschämende Erklärung dieser Verleumdung zu geben.
Im April hatte er mir gesagt: „Nun, in sechs Monaten haben wir doch die Republik.“ Im Sommer erinnerte ich ihn einmal scherzend daran. „O, erwiderte er, ich habe noch bis zum November Zeit!“

Dienstag, 25. Oktober 2016

26. Oktober 1822: Theodor Althaus wird in Detmold geboren




1822 Theodor Althaus wird am 26. Oktober 1822 in Detmold im Pfarrhaus Bruchstraße 2 geboren
1840 Abitur am Gymnasium Detmold.
1840  - 1844 Studium der Theologie in Bonn, Jena und Berlin, Gedichte für Malwida von Meysenbug
1844 - 1847 Als Kandidat der Theologie ohne Anstellung im Detmolder Elternhaus.
1847 - 1848 Literat in Leipzig
1848 Leitender Redakteur der Bremer Zeitung
1849 Leitender Redakteur der Zeitung für Norddeutschland
13. Mai 1849 Leitartikel mit einem Aufruf zur Bildung eines Landesauschuss zur Verteidigung der Reichsverfassung.
14. Mai 1849 Verhaftung wegen Staatsverrats.
20. Juli 1849 Verurteilung zu drei Jahren Staatsgefängnis. Aufenthalte im Staatsgefängnis vor dem Cleverthor in Hannover, Stadtgefängnis Hannover, Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim.
15. Mai 1850 vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis,
1850 „Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale“ erscheint in Bremen.
1850 Kuraufenthalt in Ostende.
1851 Scheitern einer Lehrtätigkeit an der Hochschule für Frauen in  Hamburg, weil er von den Hamburger Behörden ausgewiesen wird.
1851 Kuraufenthalt in Stuer am Plauer See.
1852 Krankenhausaufenthalt in Gotha.
Besuche des Vaters und Malwida von Meysenbugs.
Schwere Krankheit, die man heute als Leukämie kennt.
2. April 1852 Tod in Gotha





Warum Theodor Althaus?