Dienstag, 9. August 2016

Gottfried Kinkel in Bonn



Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.
Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.
In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

Als E-Book verfügbar: 



Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren

1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn

1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin

1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn

1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren

1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn

1848 Redakteur der Bonner Zeitung

1848 gründet den demokratischen Verein Bonn

1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)

1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard

1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen

1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder

1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach

1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College

1858 Johanna Kinkel stirbt in London

1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg

1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum

1863 Examinator an der Universität London

1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich

1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie



Freitag, 5. August 2016

Rheinfahrt im August



Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“ und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.

Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 

Leseprobe aus:


Gedicht von Theodor Althaus als eBook:

Rheinfahrt im August


Montag, 11. Juli 2016

1847: Literatenleben in Leipzig



Nach der literarischen Bestandsaufnahme seiner bisherigen schriftstellerischen Arbeiten hatte Theodor Althaus Ende Juni 1847 endlich den Absprung aus der lippischen Residenz geschafft. Wie musste der Außenseiter der Detmolder Gesellschaft sich gefühlt haben, als er im Konversationszimmer des Museums in Leipzig, vor sich ein Töpfchen Bier, seine Zeitung las, ohne dass hinter seinem Rücken getuschelt wurde. Diese Enge hatte er hinter sich gelassen und war umgezogen in die sächsische Messe- und Buchhandelsstadt. Nirgends gab es so viele Schriftsteller, Verleger und Buchhändler wie in Leipzig. Und die vier Männer ihm gegenüber auf dem Diwan machten ihm den Eindruck, als gehörten sie zu dieser Branche. Als einer aufstand, um zu gehen, hörte Theodor einen Namen, der ihm bekannt war. Er folgte dem blonden Mann auf den Platz vor dem Museum und fragte ihn, ob er vielleicht Dr. Arnold Ruge sei. Ja, es war der fünfundvierzigjährige Hochschullehrer und Schriftsteller mit bewegter Vergangenheit einschließlich Festungshaft als politischer Gefangener und vergeblichen Versuchen, in verschiedenen Städten von Deutschland Fuß zu fassen. In der sächsischen Literatenmetropole hatte er für sich, seine Frau und vier Kinder als Verleger eine Existenz gefunden. Ruge mochte den jungen Detmolder und ließ ihn an familiären Unternehmungen teilnehmen, wie Baden an heißen Tagen und Spaziergängen in die dörfliche Umgebung, wobei Theodor den Verleger Otto Wigand und Familie kennenlernte, in dessen Wigands Vierteljahrsschrift er zwei Jahre zuvor seine Abhandlung über den Detmolder Dichter Ferdinand Freiligrath publiziert hatte.
Diese Kreise waren es dann auch, die dem Schriftsteller aus der lippischen Provinz erste honorierte Tätigkeiten im Literatur- und Kulturbetrieb verschafften. So schrieb er eine Charakteristik von Nikolaus Lenau für Arnold Ruges Die politischen Lyriker unserer Zeit und Rezensionen zur Gegenwartsliteratur in verschiedenen Organen, wie zu Heines Atta Troll in Blätter für literarische Unterhaltung, von Heinrich Brockhaus herausgegeben. Wigand vermittelte ihm den Auftrag, den historischen Roman Le Piccinino von George Sand zu übersetzen, Ruge band ihn in seiner Weltgeschichte für die Jugend“ ein und Robert Blum, den er im Redeübungsverein kennenlernte, bat ihn, an seinem Staatslexikon für das deutsche Volk mitzuarbeiten. Für Blums Lexikon schrieb er Artikel zu den Begriffen Christenthum Cultus (Cultusministerium) und Demagog (Demagogie, demagogische Umtriebe) mit entsprechender Akzentuierung seiner politischen Überzeugungen.
Außer mit interessanter literarischer Arbeit war das Leben von Theodor Althaus in Leipzig ausgefüllt mit lebendiger Geselligkeit. Im Café français begegnete er den gleichaltrigen österreichischen Dichtern Moritz Hartmann, Eduard Mautner und Alfred Meißner, die sich in der sächsischen Stadt aufhielten, um den unerträglichen Spionier- und Zensurpraktiken von Staatskanzler Clemens Lothar Fürst Metternich zu entgehen. Er lernte Ignaz Kuranda und Julian Schmidt von den Grenzboten  kennen und Julius Fröbel, der ihn von allen neuen Bekannten am meisten beeindruckte. Der zweiundvierzigjährige Fröbel wohnte seit einem Jahr in Dresden. Vorher hatte er als Professor für Mineralogie in Zürich gelehrt und nach dem reaktionären Züriputsch am 6. September 1839 das Literarische Comptoir gegründet, in dem er oppositionelle Texte verlegte und auch in Deutschland verbreitete, wie die von Georg Herwegh und Hoffmann von Fallersleben. Als der Verlag verboten wurde, schlugen Otto Wigand und Arnold Ruge ihm vor, nach Leipzig zu kommen. Dort bekam er jedoch keine Aufenthaltserlaubnis. Mit großem diplomatischem Geschick gelang es Fröbel, sich in Dresden niederzulassen. Er kam nun regelmäßig nach Leipzig in das Verlagsbüro von Ruge, mit dem er eng zusammenarbeitete.
Theodor Althaus fühlte sich stark angezogen von dem so ruhig und souverän agierenden Mann, der sich während der gemeinsamen Unternehmungen zu einem wahren Freund entwickelte. Julius Fröbels soeben im Verlag von J. P. Grohe, Mannheim erschienene Publikation System der socialen Politik  fand seine uneingeschränkte Bewunderung, war sie doch aus der gleichen Motivation entstanden wie die Zukunft des Christenthums, dem Streben nach einem Zusammenleben in Freiheit und Liebe auf der Grundlage der Menschenrechte und Volkssouveränität. Jedoch im Vergleich zum Feuereifer seines jugendlichen Ungestüms fand Althaus bei dem älteren Freund eine sachlich klar entwickelte Systematik, was ihn zutiefst beeindruckte und seinen vollen Respekt gewann. Fröbels Werk war bereits die zweite Auflage, die erste war ein Jahr zuvor, aus guten Gründen anonym, unter dem Titel Neue Politik von C. Junius herausgekommen.
Bei einem Landspaziergang im Kreis um Fröbel und Ruge hatte Althaus die Gelegenheit, mit dem Dramatiker Friedrich Hebbel zu fachsimpeln. Sie redeten über das historische Drama, von Hölderlins’s Empedokles über Shakespeare und Goethe bis Grabbe, von dem Hebbel nicht allzu viel hielt. Wenige Tage später traf er ihn wieder im Café français. Hebbel war fürchterlich verärgert über eine kritische Rezension seines Werkes von Julian Schmidt in den Grenzboten, die er gerade gelesen hatte. Der jungen Frau Hebbel gelang es schließlich, ihren Fritz zu beruhigen, indem sie ihm eine Tasse Kaffee bestellte. Du fragst nach Hebbel, schrieb Theodor am 17. August 1847 seiner Schwester Elisabeth, der hat allerdings seine harten Seiten, an denen man sich die Zähne ausbeißen könnte, als dass man ihn von einem Fehler überzeugte. Guten Rath nimmt er absolut nicht an. Ich merkte das auf der Stelle und redete mit ihm also bloß von den Sachen, wo ich ziemlich mit ihm übereinstimmte. […] Er muß Glück haben in der Wahl seiner Stoffe; wenn er dies Glück einmal hat, kann der Effect sehr groß werden, die Maria Magdalena ist ein Anfang dazu.
Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.
Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!
Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben. Einige Tage später beim Schillerfest merkte er dann noch einmal, dass er sich in den oppositionellen Kreisen etabliert hatte. Seit 1840  wurde dieses Fest jährlich von Robert Blum und dem von ihm gegründeten Schillerverein organisiert. Als der Detmolder Querdenker abends den von Menschen dicht gefüllten Festsaal im Hôtel de Pologne in der Hainstraße betrat, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Und wie zu besten Zeiten als Burschenschaftler, hielt er eine Rede vor hunderten Festgästen.
Die Dinge liefen gut in Leipzig. Für die Weser-Zeitung schrieb Althaus eine Artikelserie zum aktuellen Bürgerkrieg  in der Schweiz, einer Auseinandersetzung zwischen den im Sonderbund vereinten katholisch konservativen Kantonen und protestantisch-liberalen Kräften. Die Sonderbündler fühlten sich in ihrer Freiheit unterdrückt, doch die andere Seite, die sogenannte Tagsatzung hatte die Mehrheit im Lande und nach Althaus' Auffassung somit das Recht, sich gegen die Minorität durchzusetzen. Das müssten auch die deutschen Philister begreifen. Für den Schriftsteller Theodor Althaus ging es ebenfalls voran. Eine Auswahl seiner Prosatexte hatte er zu einer Anthologie mit sieben Erzählungen zusammengestellt als Zeitbilder, denen Erlebnisse und Visionen auf den Wanderungen am Rhein, Detmolder Lokalkolorit, die Problematik einer Auswanderung nach Amerika und schließlich das brisante Mätressenabenteuer des bayrischen Königs Ludwig I. zugrunde lagen. Der ein Jahr jüngere Wilhelm Jurany wollte die Mährchen aus der Gegenwart verlegen und so gingen Althaus und Jurany eines Tages gemeinsam mit dem Manuskript zum Zensor, um eine Druckerlaubnis zu bekommen. Bei einem preußischen oder österreichischen Zensor hätte es sicherlich eine Menge Beanstandungen gegeben, doch das ganz tractable kleine Männchen in Sachsen forderte nur Namensänderungen in der Erzählung Ein Freiheitstanz, eine Satire auf die Affäre des bayrischen Königs Ludwig I. und seiner attraktiven Geliebten Lola Montez, als spanische Tänzerin bekannt. Das Werk erschien unter dem Titel Mährchen aus der Gegenwart im Verlag von Wilhelm Jurany in Leipzig.
Gegen Ende des Jahres stellte er auch das Manuskript des ersten Teiles seiner Weltgeschichte für die Jugend fertig, in dem er Altertumsgeschichte in 35 Geschichten nach Begriffen zum Beispiel von Alexander, Brutus und Cäsar  für Kinder ab zehn Jahren verständlich aufgeschrieben hatte. Und was wäre Leipzig ohne die Anbindung an den musikalischen Bereich? Die fand er in der Bekanntschaft zu Dr. Franz Brendel, Professor am von Felix Mendelsohn-Bartholdy gegründeten Conservatorium und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik. Auch zu Frau Brendel entwickelte er Sympathien und war nun häufig im Brendel’schen Hause zu Gast, wo auch etliche andere junge Künstler verkehrten. Dort lernte er den Dramatiker Wolfgang Robert Griepenkerl aus Braunschweig kennen, mit dem er einerseits herrlich streiten konnte und zu dem er andererseits eine gewisse Wesensverwandtschaft entdeckte. Griepenkerl sei verrückt, schrieb er seiner Schwester, jedoch auf eine positive Weise: … erstens ist es die gute Verrücktheit, die neue Gedanken aufstöbert und sie nur verrückt einseitig, allmächtig, auffaßt – und zweitens, wie Strauß sagt, wird für’s erste Keiner dem Publicum gefallen, der ganz auf der Höhe steht; Schlechte Aussichten für unsereinen, nicht wahr?
Über den Besuch einer Aufführung von Mendelsons Elias im Gewandhaus berichtete er seiner Mutter, dass er weniger des Genusses willen dort gewesen sei, sondern weil man dergleichen doch kennen müsse. Die künstlerische Gestaltung fand vor seinem kritischen Geist keine Gnade: Ich hatte mir’s nicht als möglich gedacht, einen solchen Mangel an aller hohen künstlerischen Einheit, an allem innerlichst musikalischen Sinn und Verstand, in einem so vergötterten Künstler zu finden. Er sah zwar auch schöne Stellen in dem Stück, doch für ihn war der Inhalt nicht dazu angetan, Darsteller und Zuschauer im Herzen zu berühren. Wie bei der Einweihungsfeier auf dem Monarchenhügel war ihm die Gleichgültigkeit gegenüber den Notwendigkeiten der gegenwärtigen Wirklichkeit unerträglich.
Schneller als die zähen Jahre in Detmold vergingen ihm die Monate im Leipziger Trubel. Das Jahr ging zu Ende und er hatte außer einer Kurzreise im Herbst nach Dresden, wo er sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansah und Julius Fröbel traf, die Stadt Leipzig nicht verlassen. Zum Weihnachtsfest reiste er dann nach Detmold, wo er auch den Jahreswechsel und die ersten Tage des neuen Jahres verlebte. Nach den arbeitsreichen und anregenden Monaten zuvor kam ihm die Ruhe in der beschaulichen Residenz vor wie ein germanischer Winterschlaf.




Freitag, 1. Juli 2016

Sommer 1848: Bremer Perspektiven



Ein deutscher Sommer umgab den erfolgreichen Journalisten Althaus, als er auf dem Oberdeck eines Eisenbahnwagens von Frankfurt nach Hanau fuhr. Ihm war, als wäre eine drückende Schwere von ihm gewichen. Das herrliche Land und die republicanischen Menschen, Alles kam mir so zweckmäßig, so menschlich, so interessant vor, nichts vergeblich oder unnöthig. Die Felder, die Aehren, jeder Pflug, jede Egge, jeder gebahnte Weg und alle Spuren der Menschenthätigkeit waren meinem Herzen und meinen Sinnen näher als zuvor. Alles hatte Sprache gewonnen – eine Heimath freier Bürger, ein Vaterland!, schwärmte er in seiner Erinnerung.
Dieses Gefühl der Leichtigkeit brachte er mit ins Elternhaus, wo er auf dem Weg nach Bremen einen Tag lang Station machte. Bei herrlichem Sommerwetter unternahm die Familie einen Ausflug durch Fichten- und Buchenwälder zum Forsthaus Hartröhren. Weil die Mutter das ganze Frühjahr hindurch krank gewesen und noch immer sehr schwach war, fuhr man mit dem Wagen und als der Weg zu Fuß steil bergauf ging, blieb Theodor neben ihr sitzen, behielt sie im Arm und erzählte von seinen Neuigkeiten und Plänen, bis die anderen zurückkamen. Sollte ihr Ältester nun endlich seinen Weg gefunden haben? Es sah gut aus.
Als er sich schließlich in Bremen am 5. Juli 1848 in seinem Zimmer in der kleinen Straße Contrescarpe nahe dem Herdentore eingerichtet hatte, blickte er aus dem Fenster zwischen den Kastanienbäumen über Wall und Stadtgraben hinweg und entdeckte den Turm von St. Ansgarii. Dort hatte Großvater Johann Heinrich Bernhard Dräseke im Jahre 1815 eine Predigerstelle angetreten und mit seiner Familie in der Nähe des Ansgariitores gewohnt, bis er im Jahre 1832 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. zum Bischof ernannt und Domprediger von Magdeburg wurde.  Außerdem war Dräseke Vorsitzender der Freimaurerloge Zum Ölzweig und Ehrenbürger der Stadt Bremen geworden. Der Enkel wohnte also nicht weit entfernt von der Kirche, in dem der Großvater gewirkt, und dem Hause, in dem der Vater Georg Friedrich Althaus bei einem Besuch des Predigers dessen älteste Tochter kennengelernt hatte, seine Mutter Julie Dräseke.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Theodor das Gefühl, eine Lebenssituation zu haben, in der er auf festem Boden frei und ohne Zensur leben und wirken konnte. Zum ersten Mal auch ging ihm der Gedanke an ein sweet home durch Kopf und Herz. Nach der Arbeit wanderte er zum Punkendeich, nahm sich einen Kahn, ruderte die Weser hinauf und badete im Fluss. Als leitender Redakteur einer überregionalen Tageszeitung hatte er eine berufliche Aufgabe, in der er sich verwirklichen konnte. Die politische Richtung der Bremer Zeitung, geprägt von dem erfahrenen Journalisten Karl Andree, stimmte mit seinen Vorstellungen von Volkssouveränität und Demokratie überein. Der Schwerpunkt lag auf den ganz Deutschland bewegenden aktuellen Entwicklungen zu einem deutschen Staatswesen mit parlamentarischen Strukturen. So war ihm das wichtigste Anliegen, in seinem Organ den Bemühungen der Abgeordneten in Frankfurt um Verwirklichung und Gestaltung der deutschen Nation eine Stimme zu geben. An seiner Seite hatte er in Dr. Wohlbrück einen hervorragenden Mitarbeiter, der weitgehend mit ihm konform ging und sich im Wesentlichen der auswärtigen Angelegenheiten annahm.
Nach den Entscheidungen für die provisorische Zentralgewalt, Reichsverweser und Reichsministerium wurde im Frankfurter Parlament in diesen ersten Julitagen des Jahres 1848 heftig über den kriegerischen Konflikt zwischen Deutschland und Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein debattiert. Im Rahmen der nationalen Bestrebungen war die Frage der Zugehörigkeit dieser beiden nördlichen Gebiete in den Fokus geraten. Wegen komplizierter Erbfolge- und ungeklärter Verfassungsregelungen auf beiden Seiten war die Lage verworren. Preußen war in den umkämpften Regionen mit Truppen unter Friedrich von Wrangel präsent und hatte von der Bundesversammlung die Vollmacht erhalten, einen Waffenstillstand mit Dänemark anzustreben, was angesichts des stagnierenden deutschen See- und Küstenhandels nicht von der Hand zu weisen war. Allerdings hatte die Bundesversammlung ihre Befugnisse an die provisorische Zentralgewalt weitergegeben.
Althaus mag an Blums leidenschaftliche Junirede zu den Grenzen der provisorischen Zentralgewalt gedacht haben, als er schon bald nach Beginn seiner redigierenden Tätigkeit einen entschiedenen Standpunkt zu diesem geplanten Waffenstillstand einnahm. Im Leitartikel der Bremer Zeitung vom 8. Juli 1848 sprach er Preußen schlichtweg die Legitimation ab, Deutschland nach außen zu vertreten: Der Auftrag, den Preußen vom Bundestag empfangen hatte, ist erloschen mit der in Frankfurt beschlossenen Aufhebung des Bundestages. Nach dem neuen Gesetz über die Bundeszentralgewalt könne der Vertrag zwischen Deutschland und Dänemark nicht in Berlin, sondern nur in Frankfurt ratifiziert werden, und zwar vom Reichsverweser im Einverständnis mit der Nationalversammlung. Mit Rücksicht auf die in Bremen befürchteten Handelseinschränkungen hieß es am Schluss des Artikels besänftigend: Wir bedauern im Interesse des deutschen Handels diese neue Verzögerung; aber wir erinnern auch daran, dass die hier fortwährenden Störungen auf der andern Seite reich ersetzt werden durch das allen Verkehr beflügelnde innere Vertrauen, wenn im Einklang mit der großen Mehrheit der Nationalversammlung unsere neue Centralgewalt gleich mit ihrem ersten Schritt die laute und allgemeine Anerkennung sich  v e r d i e n t , die ihr bis jetzt nur in Erwartung und Hoffnung entgegenkommt.
In der Erwartung, die Zentralgewalt möge der Nationalversammlung und ihren Beschlüssen die Anerkennung verschaffen, die sie verdiente, wurde der sechsundfünfzigjährige Erzherzog Johann von Österreich am 11. Juli 1848 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Frankfurt empfangen, um das Amt des Reichsverwesers anzutreten und eine provisorische Zentralregierung zu bilden. Die Freude über dieses Ereignis schwappte in alle Regionen von Deutschland über, so auch nach Bremen in das Althaus’sche Tagebuch: Bei der Reichsverweserfeier war ich auf dem Kanonenboot. Bei der Illumination die ‚Bremer’ und die ‚Weserzeitung’, erstere schmeichelhaft kühn dargestellt.
Kühn musste der leitende Redakteur sich auch bei einem regionalen Zwischenspiel vorgekommen sein, als er eines Abends mit den Setzern seiner Zeitungsdruckerei ein Vermittlungsgespräch über deren Lohnforderungen und Androhung eines Streiks führte. Zumindest handelte er einen Kompromiss aus dahingehend, dass am Sonntag keine Zeitung mehr erscheinen sollte. Über finanzielle Forderungen musste der Druckereibesitzer, Prinzipale genannt, entscheiden. Dieser Ruhetag kam auch ihm selbst zugute, denn auf seinem Schreibtisch türmten sich Berge von Zeitungen und Manuskripten, sodass er kaum einmal dazu kam, private Kontakte zu pflegen. Einen Besuch bei Familie Wohlbrück erlebte er schon fast als Störung der Arbeitsabläufe. Und ein Treffen mit Adolph Stahr, der ihm nicht nur einen Artikel anbieten wollte, sondern auch noch seine Mährchen kritisierte, empfand er als ärgerliche Zumutung. Ja, das Arbeitspensum in der Redaktion war enorm. Er hatte dafür zu sorgen, dass täglich zwei Ausgaben seines Organs erschienen und diese Verantwortung brachte ihn oft bis an die Grenze der Belastbarkeit. Zudem nahm er die Dinge sehr genau und hätte am liebsten vom Korrekturlesen bis zum Setzen alles selbst gemacht. Der Schwester berichtete er am 26. August 1848 über den nachlässig arbeitenden Korrektor, den genervten Drucker, der auch noch krank wurde, und Wohlbrück, der sich auf Reisen befand, sodass er zu dem innenpolitischen auch noch den Bereich der auswärtigen Politik zu bearbeiten hatte. Da nahm ich gestern Nachmittag auch die englischen und französischen Zeitungen, und als ich nach Hause kam, besah ich mich im Spiegel. Heute Mittag um halb zwei, als es Alles fertig war, glaubte ich gerade so lange geträumt zu haben, und morgen werde ich beim Kaffee die Zeitung lesen, die ich heute gemacht habe, um doch auch zu wissen, was drin steht.
Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: … unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen.
Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.
In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.
Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt! Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.
Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.
Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.
Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.
Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.
Außerdem müssten endlich auch in den Ländern demokratische Strukturen geschaffen werden, forderte Althaus: Diese Revolution, die innerlich und ohne viel gewaltsame Ausbrüche gereift ist, macht eine neue Form, eine neue  V e r t r e t u n g  des wesentlich umgewandelten Volkswillens nothwendig, und wer ihr gesetzliches Zustandekommen verhindert, wird, wie einst und immerfort, die Schuld des gewaltsamen Weges tragen. Die festeste Stütze der Nationalversammlung aber werden nicht Truppenconcentrationen und Belagerungszustand sein, sondern  c o n s t i t u i e r e n d e  L a n d t a g e, die den Particularismus brechen und die Oberhoheit der deutschen Centralgewalt anerkennen werden.
Die Frage nach Ursachen und Schuld für die Hintergründe der Ausschreitungen beschäftigte nicht nur die Presse und die verschiedenen Gruppierungen im Umfeld der Frankfurter Nationalversammlung. Nachdem die neue provisorische Reichsregierung mit ihren von Preußen und Österreich unterstützten militärischen Maßnahmen mehr als eindrucksvoll vorgeprescht und in die Kritik geraten war, sah sie sich veranlasst, eine offizielle Darstellung zum Geschehen herauszugeben. Im Erlaß der Zentralregierung vom 22. September 1848 wollte von Schmerling nicht näher genannten Verschwörern die Schuld zuschieben, wenn er formulierte: Die unter dem längst verführten Volke verbreiteten falschen Auslegungen über den Beschluß der Nationalversammlung vom 16. September 1848 – wodurch der zu Malmö abgeschlossene Waffenstillstand nicht ferner zu beanstanden sei – brachten lange vorbereitete Pläne zur Ausführung. Am 17. September 1848 wurde nächst Frankfurt eine große Volksversammlung abgehalten, dabei der Aufruhr offen gepredigt und zum Sturme gegen die Majorität des Parlaments aufgefordert. Es trafen von allen Seiten Bewaffnete ein […]. Unter dem Schutze zweier aus Mainz beigezogener Bataillone hielt die Nationalversammlung am 18. September 1848 vormittags Sitzung, umringt von drohenden Haufen, deren Versuch, gewaltsam in den Sitzungssaal einzudringen, durch Reichstruppen vereitelt wurde. Von 2 Uhr bis gegen 9 Uhr abends dauerte der Straßenkampf gegen die zahlreich errichteten Barrikaden […]. Erst am 19. morgens war die gesetzliche Macht vollständig Meister der Stadt.
Beweise oder wenigstens schlüssige Antworten auf die Frage, wer falsche Auslegungen verbreitete, das Volk verführte und lange vorbereitete Pläne ausgeführt haben sollte, gab Reichsminister von Schmerling nicht. Stattdessen machte er einen diffusen Rundumschlag, meinte aber wohl vor allem die in der Paulskirche auf der linken Seite sitzenden republikanisch gesinnten Demokraten. Für diese sogenannten Linken stellten sich die Hintergründe ganz anders dar. Sie wehrten sich gegen die Kritik. In einer Kundmachung der Vereinigten Linken in der Frankfurter Nationalversammlung über die Septemberkrise“ vom selben Tage formulierten sie eine Gegendarstellung: Nicht die Schwäche oder Niederlage Deutschlands, sondern hauptsächlich eine unheilvolle Nachgiebigkeit gegen die Sondergelüste der preußischen Regierung hat uns diesen Waffenstillstand aufgedrungen […]. War es ein Wunder, wenn das Volk sich dasselbe Recht beilegte, welches sich die  E i n z e l r e g i e r u n g e n  durch wiederholte   M i ß a c h t u n g  der Beschlüsse der Nartionalversammlung angemaßt hatten? Blutige Szenen haben sich unter unsern Augen entwickelt, die wir eben so tief bedauern, als wir fest überzeugt sind, daß sie hätten vermieden werden können, wenn man zur rechten Zeit die geeigneten Maßregeln ergriffen hätte, welche wir nach Kräften anrieten  […]. Frankfurt steht jetzt unter der ehernen Zuchtrute des Belagerungszustandes und Kriegsgesetzes, d.h. der Rechtlosigkeit […].
Wie die geeigneten Maßregeln zur Verhinderung der Ausschreitungen ausgesehen hätten, wurde in einem Artikel der von Robert Blum und Georg Günther redigierten Deutschen Reichstagszeitung erläutert, den Althaus in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung vom 23. September 1848 wortgetreu abdrucken ließ. Demnach sprachen an jenem Montag, dem 18. September 1848, die Abgeordneten Ernst Schilling, Ludwig Simon von Trier und Robert Blum mit Vermittlungsabsichten im Reichsministerium vor, nachdem sie sich mit den Demonstranten vor der Paulskirche ausgetauscht hatten. Dem Reichsverweser Erzherzog Johann und Reichsminister von Schmerling rieten sie dringend, die Truppen aus Frankfurt zurückzuziehen. Man könne nach ihrer Einschätzung darauf vertrauen, dass sich die Demonstration ohne militärischen Einsatz friedlich auflösen werde. Davon habe jedoch Schmerling überhaupt nichts wissen wollen. Mit herzloser Kälte und grinzendem Lächeln habe er einen Truppenabzug abgelehnt. Kurz nach diesen Friedensbemühungen der drei Abgeordneten sei der erste Schuss gefallen und die verhängnisvollen Kämpfe hätten begonnen. So wurde es im Artikel  der Reichstagszeitung und in der Bremer Zeitung publiziert.
Je mehr Wahrheiten über die Frankfurter Ereignisse zum Ende des Monats hin offenbar wurden, desto klarer wurde selbst den in der Paulskirche rechts sitzenden Konservativen, dass in der Tat sechstausend Soldaten gegen vierhundert Barrikadenkämpfer ein lächerliches Missverhältnis war. Ebenfalls wurde der Unterschied zwischen brutaler Mordlust und Empörung des beleidigten Nationalgefühls, als der wahren Quelle des Kampfes, wie Althaus ihn im Artikel Zur Orientierung am 3. Oktober 1848 herausstellte, inzwischen emotionsloser gesehen. Und nicht zuletzt war auch klar, dass das heraufbeschworene Komplott wohl außer Schmerling niemandem bekannt war, denn Beweise gab es nicht. Schon einige Tage zuvor hatte Althaus festgestellt, dass dieser unheilvolle Septembertag einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution darstellte. Wieder einmal wurde ihm klar, wie recht Robert Blum mit seiner Junirede zur Zentralgewalt gehabt hatte. Gagern war als erster Mann der Nation vom Thron herabgestiegen in die Partei der Konservativen und hatte mit seiner Zustimmung zum Waffenstillstand das Vertrauen des Volkes verloren. Den kühnen Griff hatte er Schmerling überlassen, der sich mit Belagerungszustand und Kartäschen diktatorisch gegen Blums diplomatische Vermittlungsversuche gestellt hatte. Man befinde sich in einer Übergangsphase, in der man das Vertrauen des Volkes zurückgewinnen müsse, resümierte Althaus. Doch anstatt zügig die konstituierende Arbeit vor allem in den Ländern zu tun, werde derzeit  die Agitation für demokratische Gesetze als Anarchie denunzirt und in politischen Streitigkeiten die Zeit vergeudet.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Juni 1848: Robert Blum und die Zentralgewalt


Ein weiterer Freund aus Leipziger Zeit hatte in Frankfurt eine Bühne gefunden. Robert Blum ließ ihn mit einer unglaublich leidenschaftlich vorgetragenen Rede in der Nationalversammlung schon fast erschrocken aufhorchen. In den Frankfurter Tagen war Theodor dem vielbeschäftigten Mann schon einige Male begegnet. Die bereits in Leipzig erlebte Kraft seiner Aktivitäten und Worte übertraf Blum am 20. Juni 1848 mit seiner Rede zur Zentralgewalt, wie man die von Gagern ins Spiel gebrachte und zur Diskussion stehende provisorische Regierung für Deutschland nannte. In Form eines Direktoriums oder Ministeriums sollte diese Zentralgewalt installiert werden. Die Schärfe des Tones der Rede übertraf alles, was Theodor bisher von Blum erlebt hatte. Der verglich die Nationalversammlung mit dem an den Felsen angeketteten Prometheus, stark wie er, doch an ihren Zweifeln angekettet.
Blum war gegen ein Direktorium. Weder sei so ein Gremium legitimiert, noch habe es die Mittel, Deutschland zu vertreten. Er und seine Partei sahen die Gefahr, dass eine Zentralgewalt, die ja notgedrungen schwach sein müsste, die Fürstenmacht in den Einzelstaaten wieder stärken und die gerade errungene parlamentarische Macht in Gefahr bringen würde. Er und seine Mitstreiter schlugen einen Vollziehungsausschuss vor. Der sollte sich darum kümmern, dass die gefassten Beschlüsse der Nationalversammlung ausgeführt würden. Andernfalls sah er die erkämpfte Freiheit wie ein Himmelsauge brechen. In unbeschreiblicher Intensität trug er seinen Appell an die Abgeordneten vor: Wollen Sie der Anarchie entgegentreten. Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Direktorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Widerstand, es ist Reaktion, es ist Konterrevolution – und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei und was weiß ich wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt und ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut mindestens von allen Gütern, die diese Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie wären nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. Bei diesen Worten reagierten die Anwesenden in der Paulskirche mit stürmischem, anhaltendem Beifall und dann noch einmal nach dem leidenschaftlich vorgetragenen Schlusssatz: So schaffen Sie Ihre Diktatur.
Waren die Abgeordneten zu gutgläubig? Sah Blum zu schwarz? Jedenfalls blieben seine Warnungen erfolglos. Am 28. Juni 1848 beschloss die Frankfurter Nationalversammlung das Gesetz über die Einführung einer provisorischen deutschen Zentralgewalt, die bis zur Ausführung der Reichsverfassung tätig sein sollte. Und am Folgetag wählte sie, wiederum auf Vorschlag Heinrich von Gagerns, der ihn selbst als kühnen Griff  bezeichnete, Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser als Oberhaupt eines zu bildenden Ministeriums. Althaus konnte sich mit der Konstruktion Zentralgewalt mit Reichsverweser und Reichsministerium arrangieren. Er hatte eher Bedenken gegen Blums Strategie. Wie sollte ein Vollziehungsausschuss funktionieren?
Beim Zweiergespräch in der stillen Ecke eines Frankfurter Wirtshauses konnte Theodor seine Zweifel ansprechen. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er zu Gagern und dessen politischem Handeln ungetrübtes Vertrauen, der würde das Schiff schon in die richtige Bahn lenken. Blum hingegen sprach spöttisch vom Reichsverweser als Johann von Gagerns Gnaden. Der Jüngere musste zugestehen, dass er Blums Befürchtungen, diese Konstruktion Zentralgewalt könnte einen Rückschritt in Metternichzeiten nach sich ziehen, nicht einfach wegwischen konnte, zumal bereits erste Anzeichen aufkommender Reaktion zu erkennen waren. Die durch die Revolution geschwächten Landesregierungen eroberten ihre verlorene Macht allmählich zurück. Mit dem Antrag des Kölner Parlamentariers Franz Raveaux nach Klärung der Priorität bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in der preußischen und der Frankfurter Nationalversammlung sowie einem tödlichen Konflikt in Mainz zwischen preußischem Militär und Bürgerwehr war deutlich geworden, dass im monarchischen System die Priorität der deutschen Nation gegenüber den einzelnen Ländern nicht gegeben war. Im Falle der Doppelmandate wurde keine eindeutige Regelung zugunsten der Nationalversammlung geschaffen. So konnte mittels Einberufung der preußischen Landstände durch die Regierung in Berlin die Parlamentsarbeit in Frankfurt in erheblichem Maße gestört werden. Auch im Falle des Mainzer Konflikts war die Gewichtung klar. Die Bürgerwehr zog sich zurück und das preußische Militär behielt die Oberhand. Die Frage, wie Blum sich denn nun seinen Mitstreitern gegenüber verhalten werde, wenn er in der provisorischen Zentralregierung ein Ministeramt angeboten bekäme, beantwortete der mit beeindruckender Konsequenz. Er würde in das erste Ministerium nur eintreten, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können.
Ende des Monats Juni 1848 war für Theodor Althaus nach sechs Wochen die Zeit als politischer Beobachter im Frankfurter Sommer zu Ende. Ihn lockte ein Angebot, bei der Bremer Zeitung als Nachfolger von Karl Theodor Andree die Stelle als leitender Redakteur zu übernehmen. Andree wollte Bremen verlassen, in seiner Heimatstadt Braunschweig die „Deutsche Reichszeitung“ redigieren und sich verstärkt seinen Studien und Publikationen im geographischen Bereich widmen. 


Mittwoch, 30. März 2016

31. März 1848: Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche



Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem [familiäres Problem der Familie von Meysenbug] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.
Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat


Sonntag, 7. Februar 2016

24. Februar 1848: Revolution in Frankreich



Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.
Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam - keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium - eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:
Republique Francaise,
Liberté, Egalité, Fraternité

Als die Freudentränen versiegt waren, stellte sich für den jungen Heißsporn die Frage: Und jetzt? Da war einer schon längst aktiv. Robert Blum versammelte Gleichgesinnte um sich und hatte auch konkrete Pläne. Zuerst wollte er in Leipzig und Sachsen Einfluss nehmen, im Stadtparlament und im Redeübungsverein. Es hieß Forderungen und in Broschüren publizieren: Geschworenengerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Rücktritt der sächsischen Regierung, Wahlreform, Volksbewaffnung anstelle von Soldaten. Blum war in seinem Element. Sonst immer mit Reden vorneweg, saß Althaus jetzt nur still dabei. Er musste die neuen Entwicklungen erst einmal begreifen. Wie sollte ein freies einheitliches Deutschland aussehen? Noch ehe er sich über seinen Anteil an Blums Aktivitäten klar werden konnte, bekam er ein Angebot von der Weser-Zeitung. Jetzt wollte man ihn als Leitartikler in Bremen sehen.
Am 9. März war er unterwegs nach Norddeutschland. Doch er hatte kaum Zeit, sich in Bremen zu etablieren, als der nächste Donnerschlag durch das Land hallte. Der kam aus Wien. Nach einem Sturm auf das Ständehaus war der vierundsiebzigjährige Staatskanzler Fürst Metternich am Abend des 13. März 1848 ins Exil geflohen. In der Bremer Redaktion wurde die neue Situation in den Ländern des deutschen Bundes erörtert und die politische Richtung der Weser-Zeitung festgelegt. Sollte Deutschland eine parlamentarische Monarchie oder eine Republik werden? Letzteres würde die Abschaffung der Königs-, Fürsten- und Herzogtümer bedeuten. Als glühender Verfechter der Republik konnte Althaus sich nichts anderes vorstellen. Die Redakteure der Weser-Zeitung hingegen wollten einen gemäßigten Kurs fahren. Somit kam eine enge Mitarbeit in der Bremer Redaktion für beide Seiten nicht mehr in Betracht. An seinen Artikeln war man jedoch nach wie vor interessiert.

So fuhr Althaus zurück nach Leipzig, um weitere Nachrichten zu den Ereignissen in Wien einzuholen und von dort nach Bremen zu berichten. Als er am 19. März im Leipziger Museumssaal ankam, schlug bereits die nächste Bombe ein. Die Extraausgaben der Zeitungen brachten erste Berichte von heftigsten Straßenkämpfen in Berlin. Mit dem Abendzug machte er sich auf den Weg in die preußische Hauptstadt, kam aber nur bis Magdeburg und übernachtete im Hotel Stadt London.

Leseprobe aus: 

Freitag, 5. Februar 2016

22. Februar 1841: Rosenmontag in Köln


"Nachmittags um vier Uhr am 21. Februar [Sonntag] führte nach langem Warten der Ludwig von Nassau, mit carnevallustigen Reisenden bis zum Sinken überladen, Cruel, Müller und mich nach Köln, wo er uns ganz durchfroren gegen sechs Uhr absetzte. Wir fragten uns glücklich bis zur Brückenstraße durch, um dort zu erfahren, daß die jungen Herren nicht zu Hause wären und wahrscheinlich im Theater sein würden. Dahin begaben wir uns denn auch, bewunderten in Robert dem Teufel die Höflichkeit des Kölner Publicums gegen die Spieler und kamen um zehn Uhr glücklich gegenüber der Columbakirche an, obwohl das vierstündige Stehen unsre Unterthanen nicht wenig angegriffen hatte. Zu unsrer größten Zufriedenheit machte Weerth senior die Thüre selbst auf, kurz darauf taumelte Sancho Pansa in Kemper's Gestalt die Treppe herunter und bald saßen wir, nachdem auch der jüngere Weerth angekommen war, friedlich auf der alterthümlichen Kneipe unter dem Phaetonsgemälde, bei einigen Flaschen Moseler, die uns bis Mitternacht, und, mit Durchsprechen der gegenseitigen Schicksale und Neuigkeiten und dessen, was da kommen sollte, noch hielten. Hierauf verfügten wir Beglückten uns in unsere respectiven Betten, Weerth senior und Kemper gingn nach des letztern Kneipe, um dort ein Obdach zu suchen. Nach einer halben Stunde jedoch überraschten sie uns mit der Trauerbotschaft, daß das Haus verschlossen sei. Sie fingen also an, ihre Charaktere zu spielen: der Don Quichote bettete sich auf den Fußboden in einen Winkel, mit einigen Mänteln, während Sancho Pansa zu Cruel in's Bett kroch und uns noch ein halbes Stündchen mit Witzen, wie sie einem Angerissenen ziemen, belustigte, ärgerte und endlich einschläferte. Gegen acht Uhr Morgens ging, noch während des Kaffeetrinkens, die Rumpelei los und die Costümirung begann. Eine Stunde wenigstens erforderte es, bis die rothe Jacke, der Panzer, der Helm Manbrino's und die übrigen Attribute des Herrn und Meisters angelegt waren, die zweite verfloß mit der Bepinselung desselben und seines Knappen, Warten auf die Reitpferde und einem mit lebhaftem Eifer fortgeführten Zank, ob sie um zehn, elf oder zwölf im kaiserlichen Hof sich versammeln müßten. Endlich, nach einigen verunglückten Versuchen, die Zügel der Rosinante richtig in die Hand zu bekommen, setzte sich Don Quichote, furchtbar anzusehen mit seiner Hellebarde von 1661, seinem hölzernen Schwert und seinen mächtigen roth und gelben Stulpenstiefeln, langsam in Bewegung; ihm folgte Sancho Pansa auf einem Esel, der leider so störrig war, daß die wiederholte Anwendung meines Teutoburgers nicht hinreichte, sondern der Herr des Thiers, der aus zärtlicher Sorgfalt mitgegangen war, es am Zaum nachführen mußte. Auf dem Halse des Thiers vor dem Reiter, dessen schwarzsammtenes Wamms mit aufgeschlitzten Aermeln, kurzer Hose und grauen Strümpfen zu den mächtigen Schnallen auf den Schuhen und dem Strohhut mit rothem Band wohl paßten, hing ein großer Quersack, dessen eine Seite sechs Flaschen Wein zierten, denen auf der andern Seite ein Brod, Aepfel, Zwiebeln und sonstiger Mundvorrath das Gleichgewicht hielten. So verzog sich das edle Paar allmählich und wir folgten ihm auf den Neumarkt, wo schon in dem durch Seile abgeschlossenen und von Soldaten bewachten Raume, unter den in den buntesten Farben flatternden Carnevalsfahnen, ein noch bunteres Gewimmel herrschte.
Allmächlich zogen, unter Musik und eigenen und fremden Beifallsrufen, die einzelnen Wagen und Reiter auf den Platz, neugierig von der umstehenden Menge angegafft, während ein Kreis von Schönen auf den Balconen der größten Häuser stolz auf die geringeren Sterblichen herabsah und einzelne Schaulustige sogar die platten Dächer occupirt hatten. Aber nun - wer zählt die Völker und mehr noch, wer nennt, ohne die ausgestreuten, aber von Unbekannten schwer zu erhaltenden Gedichte, alle die wirklichen und imaginirten Witze, Anspielungen, Satiren und Charactere? Da thronte auf einem Sonnenwagen der Hanswurst, der sich voriges Carneval verlobt hatte, dessen Verbindung aber in diesem kurzen Zeitraum schon mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen gesegnet war, die von Blumen bekränzt, auf den weißen, die Sonne umgebenden Wolken hingegossen, oder, um die prosaische Wahrheit zu sagen, fest angebunden waren. Wie bei den alten Helden, wurde auch hier gerechter Tadel den Uebermüthigen erheilt, denn die Darstellung der Bäckersoirée war eine beißende Satire auf die ehrenwerthe Zunft, die sich zu einem eigenen Comité hatte vereinigen wollen, das sich tragisch in Schlägereien aufgelöst hatte. Höhere Verhältnisse travestirte der gordische Knoten, in Form einer phantastisch bemalten Kugel, zu dessen Lösung aber nicht Alexander, sondern der Hanswurst, und nicht auf den Flügeln des Sieges, sondern an einem langen Strick von einem Thürmchen herabschwebte und ihn nicht durch das antike Schwert, sondern durch die moderne Knallrakete löste. Trauriges Schicksal prophezeite die grüne Schanze von dürrem Heu, mit der pappenen Kanone, als Abbild der Befestigung von Paris; denn so oft das Hauptgebäude angewackelt kam, blitzte das Pulver der Kanone aus guten Gründen ab, und wenn nach langem Trommeln und Kriegsgeschrei drinnen der gallische Hahn auf der Zinne seine Flügel ausbreiten wollte, so hielt der verwünschte kleine Junge in englischer Uniform ihn zurück. Gleicher Hohn traf die französische Propaganda, welche auf einem anderen Wagen unumwunden für Marktschreierei erklärt wurde: denn auf diesem saß der treue deutsche Rhein, und in dieser Qualität hatte er allerdings genügenden Vorwand, von seinem Sohn, dem treuen deutschen Rheinwein, den sie auch nicht haben sollen, eine Flasche nach der anderen zu leeren. Geistreich deuteten auf der Rückseite des Wagens sechs große Teller das Ehrengeschenk an den Nationaldichter an. Drei Tyroler Scharfschützenn machten ihrem Gewerbe Ehre; wenigstens wenn man nah dem schloß, was aus ihren enormen Waidtaschen an kalter Küche zum Vorschein kam mußten sie gute Jagd gehabt haben. Große Kunstfertigkeit in der Musik bewiesen die Hunde-, Affen- und Löwen-Masken, welche die Stadtmusiker verdeckten; furchtbare Gefühle flößten die geharnischten Reiter und der grimmige Türkenritter ein, die sich aber in sanftere Empfindungen auflösten, wenn man die friedfertigen kölnischen Stadtsoldaten, mit dem Schmauchstengel im Mund, im Costüm des 19. Jahrhunderts aufmarschiren sah; Mitleid überwältigte endlich ein zartfühlendes Herz, wenn man zuschaute, wie die guten altdeutschen Herren und Damen sechs Stunden lang auf dem harten Pflaster ihre Menuett aufführten. Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten erweckte nicht minder ein Wagen, auf dem ein Schiff mit vielen am Mast aufgezogenen Flaggen thronte, das sogenannte 'Alaaf Köllen', ein Refrain, an dem sich der patriotische kölnische Spießbürger den ganzen Tag über recht was zu gute that. Und welches kölnische Herz eines Bonvivant schlug nicht höher, wenn er den Karren betrachtete, worauf das mit Stroh gedeckte Häuschen mit der Ueberschrift: 'Zur schönen Aussicht' als Parodie einer renommirten Restauration gleichen Namens stand. So fühlte sich auch Jeder, der sich bewußt war, für Freiheit und Humanität zu glühen, freudig bewegt, wenn er auf einem großen Gefährt die Stange mit der Inschrift; 'Emancipation der Pudel' stehen sah und darunter die Pudelmasken in den verschiedensten menschlichen Beschäftigungen - freilich kein Wunder, da unter dem Pudelfell lauter junge Menschlein steckten. Selbst ein Timon hätte gelacht, hätte er das Hanswursttheater passiren sehen, wo die Acteurs, die bis an den Gürtel im Bretterverschlag standen, sich um den Leib kleine fußlange Beinchen befestigt hatten und so, wenn sie diese heraushängen ließen, die possirliche Figur bildeten. Welcher Hagestolz hätte nicht geschmunzelt, wenn er die drei alten Jungfern sah, die um Beiträge zur Erweiterung des Gereonsstiftes baten, da dieses seit geraumer Zeit die vielen alten Jungfern, die es jetzt habe, nicht mehr fasse. Jeder, der in der deutschen Literatur bewandert war, mußte sich an Faust erinnern, wenn er die mit Meerkatzen, Katern, Kochlöffeln, Kesseln und Kräuterbündeln ausstaffirte Hexenküche gewahrte und zog seine Lorgnette hervor, um zu sehen, ob an dem sechseckigen, bloß mit Inschriften versehenen Kasten etwas Interessantes oder Witziges zu finden sei - ich vermuthe aber, daß er sie bald wieder in die Tasche gesteckt hat."

Theodor Althaus im Brief an die Eltern in Detmold im Februar 1841.

Friedrich Althaus. Theodor Althaus. Ein Lebensbild. 
Bonn Verlag von Emil Strauß 1888, S. 33-37

"Der gordische Knoten und seine Lösung" war das Motto des Kölner Rosenmontagszuges 1841

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